Stoffel und Erni prosten fröhlich auf das Ende der Pandemie

Die wahren Blüten des Lebens. Schönheit die jeder Pandemie widersteht.

Lange Telefonate, Emails und Videokonferenzen mochten ja zu Zeiten von Lock down, Quarantäne und Isolation eine brauchbare Alternative für Treffen von Angesicht zu Angesicht dargestellt haben, aber so richtig daran gewöhnen mochten sich Stoffel und Erni dennoch nicht. Sie betonten immer wieder, wie unangenehm ihnen Ohrhörer und Mikrophon im Gesicht seien. Ich verstand es und hatte Bedauern, doch aus anderen Gründen. Der Schalk, der die beiden sympathischen Senioren auszeichnet, wurde in ihren Augen nämlich erst sichtbar, wenn man ihnen gegenüberstand und ihre Dynamik spürte, welche sie beide trotz ihres fortgeschrittenen Alters auszeichnete. Von Instinkt und alter Gewohnheit getrieben fanden sie immer wieder Wege, wie sie sich technikfrei treffen konnten. In der Regel taugte als Treffpunkt dabei vorab Ernis Wohnung. Unterstützt von seiner Tochter avancierte Erni so zu einem profilierten Gastgeber und freute sich, wenn seine Freunde den Weg zu ihm fanden. Wir trafen uns zwischenzeitlich am selbigen Ort mindestens einmal die Woche. Regelmässig mit von der Partie waren in der Regel Berni, ich, Sabine, Stoffel und natürlich Erni mit Marianne. Und manchmal gesellten sich der Josef oder der Karl mit dazu.

Anfang Januar dieses Jahres hatten sich Stoffel und Erni etwas Neues ausgedacht. Wir erhielten per Mail von ihrem Account verschickt eine ungewohnt bunt gestaltete Einladung (da hatte wohl Marianne ihre künstlerische Hand mit im Spiel) zu einer längst fälligen das Ende der Pandemie Feier. Ich amüsierte mich köstlich und freute mich auf das Treffen. Zum angemahnten Termin fand ich mich bei Erni ein. Und wie üblich, war ich wieder mal der letzte unter den Ankömmlingen. Am grossen Tisch sass bereits eine illustre Runde fröhlich versammelt beisammen, bestehend aus Berni, Sabine und meinen beiden Kumpels.

«Schön dass du letztendlich dann auch noch erscheinst, Rick, wir fürchteten schon, du könntest womöglich das kümmerliche Ende der fürchterlichsten Pandemie aller Zeiten aus Bequemlichkeit und Unpünktlichkeit verpassen», rügte mich Stoffel, der ewige Nörgler. «Ach ja, so schlimm ist diese Pandemie, dass man nicht merken könnte, dass sie sich bereits am Verabschieden ist,» antwortete ich. «Schön dass ihr mich ans Ende erinnert, ich hätte es nämlich tatsächlich nicht gemerkt.» Und an alle gewandt: «Schön euch hier am Tisch so gutgelaunt und wiedervereint anzutreffen. Dann holt doch bitte mal die Gläser. Ich habe hier einen köstlichen Schampus mit dabei. Lasst den Korken knallen, damit wir auf das grosse Event anstossen können.»

«Nette Idee», kommentierte Erni mein Mitbringsel, «wenn das so weitergeht, dann verenden wir hier am Tisch noch alle übermütig an einem Schampus-Rausch. Berni hatte nämlich dieselbe Idee wie du. Und zuvor traf Sabine auch schon mit einer Flasche unter dem Arm ein. Sie fand, wie du, der Anlass müsse mit einem besonderen Prickel-Wässerchen gefeiert werden.» «Na dann haben wir ja heute nachmittag richtig zu tun», hielt ich nüchtern fest. «Noch nüchtern», mahnte mich Stoffel. Auf das Ende der Krankheit zu trinken sei sicher gut, mischte sich Berni ein, «ich bin aber der Meinung, wir sollten auch auf uns anstossen, denn immerhin zählen wir zu den wenigen Überlebenden.» «Gute Idee», fand Sabine lachend und erhob sich, um uns allen lauthals zuzuprosten, nachdem Marianne vorsorglich unsere Gläser gefüllt hatte. «Komm setz dich zu uns, Marianne, bist doch nicht unsere Dienstmagd und Servicehilfe», forderte Berni sie auf. «Ihr wisst schon, dass ihr ein Häuflein Verrückter seid,» antwortete Marianne lachend, «aber gerne, bitte schön, wir haben überlebt, hipp hipp hurra!» Mit diesen Worten setzte sie sich neben Berni.

Ich wandte mich sodann an meinen Freund und unseren Pastoralassistenten. Ich wollte von ihm wissen, ob Gott im Himmel wohl etwas dagegen haben könnte, wenn wir Ungeimpften dereinst nackt und voller Sünde vor ihn stehen und auf Einlass warten würden. «Von nackt stand aber nichts in meinem Vertrag», maulte Stoffel etwas geniert. «Du willst wissen, ob Gott eventuell im Paradies klamm heimlich die Impfpflicht eingeführt haben könnte», fragte mich Berni leicht irritiert zurück. «Wieso sollte er so etwas tun,» forderte er mich zur Gegenantwort auf. Gott habe meines Wissens über die Zeit viel von seinem Prestige verspielt, führte ich ins Feld. Immerhin, so erinnerte ich, habe man ihn ja noch kurz vor 1900 bereits für tot erklärt. «Ach darauf spielst du also an. Lass dir von mir versichern, dass dies bloss metaphorisches Philosophen-Geplapper ist.» Gott sei so wenig tot, wie Nietzsche kein Löwe, keine Schlange noch ein Adler gewesen sei. Und zum Prestige-Verlust sei zu sagen: «Gott ist doch kein Oldtimer, den man wegen ein paar Kratzern und Spritzern auf Hochglanz polieren muss,» schloss Berni leidenschaftlich.

«Aber gib immerhin bitte zu,» erweiterte ich mein Argumentarium, dass man die grässliche Austragung der beiden Weltkriege mit all ihren Abscheulichkeiten nicht gerade zu den Glanzleistungen unseres Herrn zählen könne. Etwas mehr Nachsicht und Rücksichtname uns Menschen gegenüber wäre in diesem Fall ja schon sehr wünschenswert und durchaus angebracht gewesen. Gott sei doch allmächtig. Ihn hätte die Verhinderung oder zumindest die schnelle Beendigung der Fehden zwischen den Kriegsparteien kaum viel Anstrengung abgefordert. «Da gebe ich dir recht, vermutlich sind es aber seine Vertreter auf Erden gewesen, dieser infame Club der sonnenentwöhnten Dichter, Denker und lügnerischen Kanzelprediger, die es nicht besser verstanden,» wich Berni mir aus. «Ich bin da etwas argwöhnisch,» bohrte ich nach. Doch zurück zu unserer Ausgangsfrage nach der Impfpflicht im Paradies, vielleicht wisse er, Berni, ja mehr. Er stehe ja von Amtes wegen in direktem Kontakt zum Meister. Gott hätte ihm womöglich eingeflüstert, dann schon froh zu sein, wenn die heimberufenen Seelen wenigstens geimpft und geboostert an die Himmelspforte klopften. Wer dem nicht entspreche, für den kenne die Allmacht Lösungen. Bestimmt entledige man sich im Himmel der Impfverweigerer, indem man sie freundlich anstupsend zur Hölle schicke, um sich hinterher ausgiebig die Hände zu desinfizieren.

«Ach jetzt übertust du dich aber gewaltig. Zynismus und Ironie stehen dir nicht so gut zu Gesicht», rügte mich Berni. Von solch ruchlosem Vorgehen würde er Gott zudem dringend abraten, man könne doch unmöglich zulassen, dass so viele Menschen dem Teufel ausgehändigt würden. Das würde selbst in der metaphysischen Welt Gottes zu einem schrecklichen Ungleichgewicht der himmlischen und der teuflischen Kräfte führen. Und nein, er stehe leider nicht im direkten Kontakt zum Herrn. Dieses Privileg sei nur wenigen Menschen vorbehalten.

«Hör dir bloss die beiden Schnorrer an. Langweilen uns da ungefragt mir ihrem Gelaber. Was ist denn in die Beiden gefahren,» wandte sich Stoffel etwas desorientiert an Erni. Und dieser adressierte seine Frage umgehend an mich: «Nehmt ihr es dem Papst etwa übel, dass er euch offensichtlich bisher vergessen hat, selig zu sprechen?». Bei dieser Bemerkung verschluckte sich Sabine, die gerade im Begriff gestanden hatte, an dem süssen Schampus zu nippen. Und zwischen Lachen und Husten versuchte sie sich wieder in den Griff zu bekommen. Marianne half ihr dabei so gut sie es verstand und klopfte ihr tüchtig auf den Rücken. Wir möchten doch unsere Clownerien einstellen, bat Sabine flehentlich, sie würde sonst noch an unserem abartigen Humor ersticken.

Nach einer kurzen Pause, in der sie ihre Stimme gefestigter wiederfand, hob sie an: «Ihr seid wie die Kinder», man könne heutzutage keine und keinen mehr damit erschrecken, ihm mit der Hölle zu drohen. Mit unserem Tod hätten wir ja die wahre Hölle bereits hinter uns. Gäbe es doch Stimmen genug, die behaupteten, dass wenn es eine Hölle gäbe, sie das Leben selbst darstellte. «Nun es mag zwar keine Hölle geben», gab ich zu bedenken. Doch wer behaupte, unser Leben selbst sei die Hölle, der weiss nicht, wovon er spreche. Das seien armselige und unglückliche Existenzen, die so dächten und sprächen.  Und ich schloss, zu Sabine gewandt: «Aber ungeachtet all dessen kann man auch heutzutage noch ungeniert jemandem mit der Hölle drohen.» Jeder von uns wisse instinktiv, wovon dabei die Rede sei. Dies reiche, um uns wenigstens zu verunsichern und sich darunter nur das Schrecklichste vorzustellen.

«Was in der Deutschen Literatur die Romantik ist, ihr wisst schon, Hölderlin, Novalis und Co, das sind die süssen Geschichten um den verklärten Franz von Assisi im Katholizismus,» mischte sich nun wieder Erni dazwischen. Man möge sich vorzugsweise geistig in solchen Gefilden bewegen und die Hölle da lassen, wo sie keiner finde. «Es ist schon erstaunlich, kaum hast du den Rick und den Berni am Tisch, gleich wird es Sakral und man bekommt das Gefühl, sich in einem Priesterseminar aufzuhalten. Echt gruselig die Beiden.» Man sollte sie gemeinsam auf eine Pilgerreise nach Jerusalem schicken, schloss er seinen Vergleich. Golgatha möchten sie zwar meiden, er empfehle ihnen aber den läuternden Aufenthalt im Oelberggarten. Da finde man zu sich und zur seiner inneren Ruhe zurück. «Gar keine schlechte Idee,» antwortete ich Erni. Und auch Berni gefiel die Vorstellung eines Besuchs der vielen heiligen Stätten in Jerusalem.

*

«Habt ihr das übrigens mitbekommen, wie Papst Franziskus unlängst im keuschen Urbi et Orbi Gewand, als würde er eine Hostie über dem Altar brechen, die Gläubigen gebetsartig und im Unschuldston dazu aufforderte, sich noch schnell impfen oder boostern zu lassen,» meldete sich nun auch Stoffel wieder ins langsam ausufernde Gespräch zurück. Nach dem Aufruf hätte er sich seine Hände besonders intensiv im Wasser einer von einem Messdiener dargereichten Schale sauber gerubbelt. Stoffel schlussfolgerte: «Entweder besitzt der Vatikan diverse grosse Aktienpakte von der Pharmaindustrie, oder die haben was Aufregendes in der Hinterhand, womit man den lieben Gottesersatz auf Erden unter Druck setzen kann.» Gegen den emeritierten Papst Ratzinger gebe es jetzt Anschuldigungen, dass er in seiner Zeit als Erzbischof immer schön seine Augen zugedrückt haben soll, wenn seine ihm untergebenen Hirten sich ihren Gelüsten hingegeben haben sollen. «Ach lass doch den Ratzinger in Frieden. Ist 95 der Mann. Der tut doch keiner Seele mehr etwas an,» setzte sich Sabine energisch für den emeritierten Papst ein.

Marianne, wohl aus Vorsicht, ihre beiden Töchter im Parterre möchten etwas von den zunehmend lauter ausgesprochenen Anspielungen mitverstehen, startete zu einem klugen Ausweichmanöver. Es sei schon seltsam, früher hätte man als arbeitsscheu und faul gegolten, wenn man es sich erlaubt hätte, wegen einer triefenden Nase, einer belegten Stimme oder etwas Fieber der Arbeit fern zu bleiben. Heute verordne die Regierung wegen dem Nichts eines untauglichen Testverfahrens, dass man in Quarantäne müsse. Und die gegeisselten Arbeitgeber liessen sich dies auch noch wehrlos gefallen. Eigentlich hätten die sich doch in den Protest stürzen sollen. Sie müssten sich zu den vielen Protestierenden gesellen und jeder in seiner Stadt ein Zeichen des Widerstandes setzen. Man dürfe es nicht zulassen, dass diese Chemieverrückten und Gen Coiffeure mit ihrer Scherenschnipselkunst nun anfingen unsere jungen Menschen zu bedrängen und sie zur Impfung zu verführen.

«Um bei Stoffels Argumenten nochmals anzuknüpfen», meldete ich mich ins Gespräch zurück, der Medienwelt wohne eingestandenermassen eine grosse Verführungs- Illusions- und Verwandlungskraft inne. «Themen, Thesen und Argumente, ob gut oder schlecht, ob richtig oder falsch, ziehen uns in ihren eigenen Bannkreis, in ihre eigene Wirklichkeit, wenn sie nur oft genug und von vielen genug wiederholt würden. Das sei eine Art Gehirnwäsche und ende damit, dass wir uns im Reich der Illusionen bewegen und aus der Scheinwelt kaum mehr zurückfänden. Erni schüttelte missbilligend den Kopf. Das verstehe er nicht, ich möge mich doch deutlicher erklären, wünschte er. Mich Erni zuwendend argumentierte ich: «Du hast sicher auch schon erlebt, etwa beim Lesen eines dicken und sehr spannenden Buches, dass man nach der oft tage- oder wochenlangen Beschäftigung mit dem Inhalt unversehens in ein Loch fällt, nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat, es zusammenklappt und dann seufzend beiseitelegt. Dasselbe erleben Menschen, welche eine über viele Folgen umfassende Serie zu ende geschaut haben. Man fühlt sich hinterher dann plötzlich leer und einsam.» Mir selber sei das schon widerfahren bei einer Fussballweltmeisterschaft, die zu Ende gegangen war und ich nun plötzlich wieder dastand neben mir und schmerzlich die Ablenkung vermisste, welche das Sportevent über einen Monat hinweg geboten hatte.

«Da gebe ich dir recht», unterstützte mich Berni. «Wir Menschen müssten uns eingestehen, dass wir uns nur allzu leicht ablenken lassen und unsere Lebenszeit an Dinge verschwenden, die uns von uns selbst und unseren wahren Interessen abbringen.» Das könne so weit führen, dass ein Mensch vor lauter Ablenkung seinen inneren Auftrag aus den Augen verliere. Ob er wirklich glaube, dass jeder Mensch einen inneren Auftrag mit sich führe, fragte ich zurück. «Durchaus,» gab sich Berni überzeugt. «Um es in der alten Sprache der Kirche auszuformuliene: Gott hat jedem Menschen, überhaupt jedem Wesen, eine massgeschneiderte Bestimmung mit auf seinen Lebensweg geschickt.»

Damit seien wir dann wieder bei der deutschen Romantik und beim lieben Franzel angelangt, schlussfolgerte Erni. «Das enttäuscht mich jetzt, Erni», griff Sabine das sich entwickelnde Thema auf. «Jeder Mensch hat doch ein persönliches Schicksal, welches sich aus den Entscheidungen und den sich daraus ergebenden Handlungen enthüll. Es ist für mich eine schöne Vorstellung, eine innere Bestimmung mit mir zu tragen. Daraus ziehe ich Kraft und Selbstbewusstsein.» «Bravo,» ereiferte sich nun auch Marianne, «ich empfinde das genau so.» Es sei doch schon schlimm genug, dass wir von einem Zeitgeist bestimmt würden, der uns zu verstehen gebe, dass wir unwichtig und bedeutungslos seien. So könne man nicht leben. Und ganz besonders schwierig sei es, unter solchen Bedingungen, Kinder und Heranwachsende in ein selbstbewusstes und verantwortungsvolles Leben zu begleiten.

«Paff, da habt ihr es, ihr Klugscheisser,» triumphierte Stoffel auf. «Die Frauen sind es, die den Durchblick haben. Da haben euch Sabine und Marianne aber ganz gehörig das Hirn gewaschen.» Er sei nun plötzlich froh, nicht so klug zu sein. Seine ihm von Gott mitgegebene Bestimmung sei es wohl, die leichteren und zugänglicheren Seiten des Daseins zu zelebrieren, den Sekt etwa und die verführerische Damenwelt. Die Methaphysik und die Wissenschaft sei so gar nicht sein Ding. Er möge einhalten und sich nicht zu ausschweifend zu seiner Bestimmung äussern, wünschte sich Berni. Er, Stoffel, werde sonst schnell und viele Gründe finden, warum es höchste Zeit sei, für eine intensive Beichtsession. Falls er es wünsche, werde er ihm einen Termin offerieren. Ich lachte, «nett von dir Berni, beim Stoffel ist aber leider Hopfen und Malz verloren. Da hilft auch eine Beichte nichts mehr.» «Ach ihr», plusterte sich Stoffel auf. Und zu Berni gewandt, «du sorgst dich ja bloss um deinen Job. Ohne Menschen wie mich sind Leute wie du doch plötzlich überflüssig. Gerade dich Leichtsinnigen und lebensfrohen Naturen unter uns Menschen sind es doch, die ihr aufgreift und auf dem Altar der Moral genüsslich seziert,» führte Stoffel aus. Er sei sich nun nicht sicher, so Bernie, ihn Stoffel richtig verstanden zu haben. «Meine Aufgabe ist es, den Menschen Verständnis entgegen zu bringen, sie innerlich zu stärken und ihnen gegebenenfalls den Weg zurück zur eigenen Bestimmung zu weisen. Und ihnen zu helfen, den Versuchungen dieser Welt zu widerstehen, ergänzte er. Was für ein Angeber, wandte sich Stoffel an Marianne.

Ich sei froh, dass Marianne auf die Schwierigkeiten der Erziehung eingegangen sei. Das Stichwort hierzu heisse «Woke-Culture». Jeder der versuche, anderen Menschen Leitlinien mit auf den Lebensweg zu geben, werde umgehend dafür gemassregelt, gleichsam so, als hätte man sich damit einen sträflichen Akt der Diskriminierung des Gegenübers zu Schulden kommen lassen. In der Woke-Culture würden nicht Minderheitsgruppen unterstützt, nein, man mache aus allem und jedem eine Verkleinerungsform und begegne jedem Argument aus dieser Wurm-Perspektive des Gut Menschen. Auf diese Weise trage man eigentlich zu einer Welt der Schwäche bei. Alles werde einerlei und unbedeutend. Wer Stärke zeige, werde als Sockelsteher entlarvt, um ihn hinterher dann wieder runter zu ziehen in den Schmutz des Gewöhnlichen. In der Wokeness verliere alles seine Lebenskraft und werde eingerührt in den Einheitsbrei des Kollektivismus. Die Zukunft gehöre der Langweile, welche den Boden dafür schafft, dass die Menschen jedem Verführer auf den Leim kriechen und für jede Ablenkung noch so dankbar sind. Die Ablenkung müsse dabei permanent sein, damit man nicht in jenes vorher besprochene Loch falle. Als Woke-Natur lebe man gewissermassen in einer seriellen Endlosschleife der Illusionen.

Dabei sei es doch gut, wenn der Mensch zuweilen in solche Löcher fielen. Das fordere uns heraus und stärke uns, und lasse uns zu uns zurückfinden. «Ich kann nur ansatzweise ahnen, was du uns damit sagen möchtest», sagte Erni. Ihn hätte aber auch schon das unheimliche Gefühl beschlichen, dass alle unsere Werte nivelliert würden. Was nach einem derartigen Prozess zurückbleibe, sei eine grosse Orientierungslosigkeit. «Ja richtig, das trifft es,» bestätigte ich. «Es ist ganz so, wie wenn du den Wegweisern auf deiner Wanderung plötzlich nicht mehr traust und damit dein Ziel aus den Augen verlierst. In der Folge verzettelst du dich und orientierst dich plötzlich nur noch an der Zufälligkeit des am Wegrand begegnenden. Du billigst plötzlich Dingen einen Wert zu, die nur marginal mit dir und deinem Ziel zu tun haben.»

Ihr wollt wohl andeuten», meldete sich nun auch Marianne wieder zu Wort, dass nicht jede Minderheit das Opfer von Diskriminierung sei. Diese Machtanspielung, dieses Machtgefälle, diese diskriminierende Haltung wohne zwar irgendwie diesem Begriff Minderheit immanent inne. Im Unterschied dazu sei es nicht zwingend, das die Wenigen im Gegensatz zu den Vielen sich immer in einem Machtgefälle wiederfanden. Die Einigen oder Wenigen sind Teil eines Wert- Welt- und Daseinsganzen und trage somit durchaus das Potenzial in sich, die Vielheit zu durchmischen. Ob man sich dabei auf die Seite der Wenigen schlage oder sich unter den Vielen einordne, sei aus der Sicht des Ganzen bedeutungslos.

Im Ganzen liege eine Dynamik, welche immer wieder zu leichten Gleichgewichtsverschiebungen führe, argumentierte Marianne weiter. Das sei gut so, da nur auf diese Weise die Welt in Umlauf gehalten werde, um zu einem neuen, wiederum nur temporären Ungleichgewicht zu führen. Wer immer nur perspektivisch aus der Sicht der Minderheit heraus agiere, dem fehle die Einsicht ins Ganze.

*

Das sei jetzt ein sehr schönes Gespräch, das wir da führen, freute sich Sabine. Sie werde in Zukunft etwas besser auf solche Feinheiten achten, um das Gehörte gegebenenfalls am Alltag zu verifizieren. Es sei wieder einmal gelungen, dass alle irgendwie über sich herausgewachsen seien in dieser Congregatio von Freuden. «Das löse auch in ihm Emotionen aus,» so Stoffel, die er nur selten verspüre: «Emotionen», so verfiel er wieder seiner Spassvogel Rolle, «die mich dazu antreiben, euch bei nächster Gelegenheit auf die Schippe zu nehmen. Man darf euch nämlich nicht schonen. Ihr wachst an Grösse, wenn man euch reizt. Diese Gereiztheit sei es, welche es schaffe, jenes Quäntchen an Ungleichheit ins Ganze zutragen, welche die Welt auf Trab halte, dann wenigstens, wenn es ihm gelungen sei, Mariannes Ausführungen mit Verstand zu verfolgen.

Auch er sei beeindruckt, unterstrich Berni, zu erfahren,  was sich ereignen könne, wenn Menschen intuitiv und geduldig Mühe wären, einander zuzuhören. Das sei wohl jener Anteil an sozialer Wirklichkeit, der die vergangen zwei Jahre während der Pandemie gefehlt habe. Es sei doch unglaublich, wenn man auf dieses Geschehen zurückschaue, dass geimpfte und ungeimpfte Menschen einander spinne feind waren. Jeder dem anderen eine Schuld in die Schuhe schiebend für den Umgang mit einem Krankheitserreger, der glücklicherweise eigentlich nie richtig gefährlich worden sei.

Berni war der erste, der aufstand und beteuerte, es täte ihm leid, aber er müsse jetzt nach Hause. Er sei müde und habe wohl, wie vorauszusehen war, etwas zu sehr dem Schampus zugesprochen. Ich schloss mich Berni an und bedankte mich für die anregende Unterhaltung und die erfahrene Gastfreundschaft. Stoffel sprang dann ebenfalls hoch und meinte, «Erni, ich schliesse mich den Beiden an, wir haben den gleichen Heimweg, so dass ich sicher sein kann, mit ihrer Hilfe, sicher nach Hause zu finden.»

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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