Stoffel und Erni treffen den Karl

Ob unglücklich in den Zentralschweizer Klippen und Kämmen abgestürzt oder bloss intrigant verschollen und auf der Flucht, keiner konnte es wissen. Man fand den Vermissten nicht und musste die Suche trotz des Einsatzes von Helikoptern schliesslich ergebnislos einstellen.

Der Zufall wollte es, dass ich am frühen Nachmittag auf dem Nachhauseweg, vom Einkauf kommend, am Bahnhof vorbeikam und da zufällig auf Stoffel und Erni traf. «Das ist ja lustig, dass ich euch hier am Bahnhof antreffe, » begrüsste ich die beiden hocherfreut. «Seid ihr gerade im Begriff, abzureisen? Haut ihr ins Ausland ab, weil das Covid-Abstimmungsresultat vom Volk angenommen wurde?» «Nein,» meinte Erni etwas einsilbig, «dieses Resultat sei ja zu erwarten gewesen. Und abhauen, wohin den überhaupt?» Er habe sich lediglich auf den Weg gemacht, seiner Tochter einen Gefallen zu machen. Sie habe sich in den Kopf gesetzt, ihre alte Leidenschaft, das Stricken, wiederaufzunehmen. Darum habe sie ihn zum Kiosk geschickt, mit dem Auftrag, ihr zwei Strickhefte zu besorgen. Dabei sei er nun auf Stoffel getroffen, der eben dem Zug aus Basel eintreffend, entstiegen sei. «Rick, stell dir vor, » sprudelte Stoffel los wie ein ungehemmter Gebirgswasserfall zur Zeit der Schneeschmelze, «ich war heute Morgen in der Stadt an einer spannenden Ausstellung über Biologie, den menschlichen Körper, DNA und den ganzen schicksalshaften Erbkram. War ein unglaublich toller Event.»

«Ja,» kommentierte Erni, «es zeichnet sich ab, dass unser Stoffel zunehmend zum Wissenschaftsfanatiker mutiert und so kurz vor dem letzten Gang hinter den Schleier der Maja noch schnell alle offenen Geheimnisse des Lebens aufdecken will.» Das sei ja toll, sagte ich anerkennend. «Verstehe dich nicht, Erni, warum du zu glauben meinst, dass es notwendig ist, sich über diese löbliche Entwicklung unseres Kumpels lustig zu machen,» fragte ich. «Will ich ja gar nicht,» winkte Erni überzeugend ab. Es sei bloss ein seltsamer Zufall, dass er eben in Mariannes Heften geblättert habe, als Stoffel mit einer Plastikspirale angekommen sei, dem bunten Modell eines menschlichen Chromosoms. Dabei hätte er nicht schlecht gestaunt, als ihm die Ähnlichkeit zwischen bestimmten Strickmustern und der spiralförmigen DNA aufgefallen sei. Er müsse seine Tochter unbedingt auf die darin innewohnende Symbolik aufmerksam machen. Er verstehe nun auch die tieferen Zusammenhänge im Mythos von den Nornen, die immerdar an unserem individuellen und universellen Schicksal strickten.

«Kann dir nicht folgen,» antwortete ich Erni. «Herrje du Dummerchen,» lachte Erni etwas überheblich, «das ist doch offensichtlich. Eine strickende Frau wird doch gleichsam von einem geheimen inneren Bauplan angetrieben, wenn sie stundenlang so dasitzt, an einem Pulli, einer Mütze oder einem Pärchen Socken strickt und dabei versonnen einer Liebesgeschichte am Fernsehgerät folgt. Den Frauen wohnt das Schöpferische und Lebensgestaltende praktisch von Geburt an inne. Die beherrschen das im Schlaf.» «Na ja, » zweifelte ich, «man kann das zwar so sehen, aber richtig zwingend ist der Vergleich zum Genom nicht.» «Freunde, folgt mir auf dem Fuss,» unterbrach uns Stoffel, «ich lade euch zu mir nach Hause ein und zeige ich euch das Buch, das ich an der Ausstellung erstanden habe.» Es sei mächtig interessant und lade Wissbegierige wie uns zur Jagd nach dem Genom ein.

«Komm schon Stoffel, habe nichts dagegen, mit euch auf die Jagd zu gehen, aber erklär mir doch bitte erst mal, was ein Genom ist,» fragte Erni neugierig. Damit bezeichne man die Gesamtheit des Erbguts in einer Zelle, erklärte Stoffel, der sich augenscheinlich auf der Zugfahrt schon einiges an biologischem Wissen erworben hatte. «Und was interessiert dich jetzt genau an den Rätseln um das Genom,» wollte ich in Erfahrung bringen. Das wisse er noch nicht, antwortete Stoffel etwas gereizt. Wenn es dies alles schon wüsste, wäre es ja gar nicht mehr nötig, daran zu forschen. Das Genom interessiere ihn eben, basta. Die Forscher behaupten, dass bei Lebewesen die Zukunft praktisch schicksalshaft im Genom eingelagert sei. Was ein Mensch werde, kurz, wie er aussehe, ob er allfällig blondes Haar oder grüne Augen bekomme oder dereinst an Krebs sterben werde, dies alles schlummere von Geburt an geheimnisvoll verborgen und verschlossen in seinem Erbgut. «Nun dann solltest du dich schleunigst darum bemühen, deine Gene ersetzt zu bekommen», riet ich ihm. «Bei den neuen Genen solltest du dann darauf achten, dass sie dich freundlicher, umgänglicher und attraktiver machen.»

*

«Schau an, der Erni», erklang in diesem Moment eine mir unvertraute Stimme von hinten. «Lange ist es her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben.»  «Ei aber auch, der Karl Mohrmann», trat Erni dem Neuankömmling seitlich an mir vorbei entgegen. «Hast dich kein bisschen geändert. Na ja, die Haare vielleicht, die weniger geworden sind. Was treibt dich denn an den Bahnhof», fragte Erni neugierig. «Bin auf dem Weg zu meinem Sohn Michael, der in Zürich wohnt», gab Karl bereitwillig Antwort. «Sag mal Karl», mischte sich Stoffel in das Gespräch, «mich hast du wohl geflissentlich übersehen.» «Das geschah wirklich aus kalkuliertem Risiko», wandte sich der Angesprochene mit einem siegessicheren Lächeln im Gesicht an seinen Herausforderer. «War noch nie ein Freund deiner Sprüche, Sticheleien und wenig bekömmlichen Feinheiten.» Und zu Erni gewandt meinte er ironisierend: «Habe nie verstanden, was du an dem Kerl gefunden hast. Ehrlich, fühlte mich deswegen schon öfters zurückgesetzt – das grenzte ans Beleidigende.»

Entweder standen wir vier nun kurz vor einer Katastrophe, so überlegte ich, oder aber Karl ist ein Altbekannter und Vertrauter, der sich die Sprüche und Bosheiten gewohnt war und damit geschmeidig umzugehen vermochte. «Sag mal Karl,» hob Erni zu fragen an, «hat man dir in Zeiten des Genderns, des Antirassimus und von Black Lives Matter nicht auch schon mal ans Herz gelegt, endlich deinen Nachnahmen zu ändern?» Stoffel lachte: «Kohlmann seist du künftig geheissen», spottete er. Karl schien einen Moment tief durchzuatmen. «Nein, sowas Dummes sei ihm noch nie begegnet. Bisher hätten sich alle an seinem Nachnamen gefreut oder ihn zumindest damit identifiziert», erklärte er. Was denn gegen Mohrmann einzuwenden sei? «Negermann,» warf Erni ein. «Hat dir noch keiner geraten, dich in Schaumkuss umzutaufen oder auch nur Karl Schaumkopf», das klinge doch wirklich nett. «Übrigens», hacke sich Stoffel wieder ein, «für 70 Franken kannst du dich auf der Gemeinde dokumentarisch vom Mann zur Frau machen lassen, Carla Schaumkopf», das klinge doch wirklich nett. Erni und Stoffel brachen in übereifriges Gelächter aus und rangen kurz nach Atem.

Karl wandte sich an mich und fragte, ob ich mit den zwei Lümmeln bekannt sei. Ja, meinte ich, es sei doch zugestandenermassen ab und an ziemlich peinlich, mit den Angesprochenen in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Nicht jeder habe Verständnis für die Clownereien der beiden. «Darf ich mich vorstellen, ich bin der Rick», und reichte Karl die Hand zur Begrüssung. «Nun wie ich heisse weisst du ja inzwischen, kannst es dir aussuchen», spottete er, offenbar ein Künstler der Selbstironie. «Ich kenne dich nicht, Rick, obgleich ich doch vor Ort über 30 Jahre als Kaminfeger tätig war», gestand er. «Wir sind uns wohl noch nie begegnet», pflichtete ich ihm bei. Das liege wohl daran, dass ich kein Einheimischer sei und erst vor 8 Jahren zugezogen sei. Ja das passt, meinte Karl, er geniesse nun schon einige Jahre den Ruhestand. «Da wundere ich mich aber», gab er zu mir nachdrücklich zu bedenken, dass ich mir am Ort ausgerechnet den miesesten Umgang ausgesucht hätte. Das seien doch zwei Asoziale, bellte er, und zeigte demonstrativ auf meine beiden Freunde.

«Wo bleibt nur deine gute Kinderstube, Karolina», fragte Stoffel missbilligend. «Hat man es bei dir unterlassen, dir beizubringen, dass man nicht mit dem Finger auf Menschen zeigen darf?» «Auf Menschen ja, nicht aber auf Rhinozerosse oder ähnliche Kaliber. Aus welchem Zoo seid ihr denn ausgebrochen,» konterte Karl. «Wohl pariert, Kumpel», schmeichelte ihm Erni. «Nur gut, dass uns keiner zuhört. Man würde uns kurzer Hand wohl wegsperren.» «Schade, dass du auf Reisen gehst», sprach in Stoffel an. «Du hättest uns im Moment gute Dienste leisten können bei unsere Jagd nach den Genomen.» Karl stellte seinen Koffer hin und fragte interessiert, «was für Gnomen sind denn das, die ihr jagt? Offensichtlich liege ich mit meiner Vermutung von wegen Zoo doch nicht so falsch». «Quatsch, Tiere», erklärte Erni, «so nennt man die Summe der Erbinformationen einer Zelle.» «Und was kümmert ihr euch darum», wolle der Belehrte nun wissen. Das sei doch übel Biologie, und damit habe er sich während der Schulzeit schon schwergetan. Er turne da lieber am Reck herum oder steige auf steile Dächer.

Erbgut, das sei das Zauberwort, flunkerte Stoffel. Darin verberge sich das Schicksal jedes Menschen, selbst das eines Kaminfegers. Er könne seine Abreise doch um zwei Stunden verschieben. Die Züge fahren doch im Stundentakt nach Zürich. Karl schien einen Moment zu zaudern, dann antwortete er: «Wenn ich es recht bedenke, dann bevorzuge ich es, wenn sich ausschliesslich Fachleute über RNA und DNS Gedanken machen.» Ihn interessiere das nun wirklich nicht so brennend, wie er anfänglich gedacht hatte. Und zudem, sein Sohn komme ihn am Bahnhof abholen und Abmachungen müsse man einhalten. «Für mich uninteressant», laute sein derzeitig geltender Befund.

Dann griff Karl nach seinem Koffer und gab uns zu verstehen, dass er sich nun definitiv auf den Weg machen müsse. Er würde sich aber freuen, uns bei passenderer Gelegenheit gerne wieder zu treffen. Es gebe sicher noch viele andere, weitaus spannendere Themen, als sich über Biologie den Kopf zu zerbrechen. «Ich glaub es nicht», stänkerte Stoffel, «der Kerl lässt uns tatsächlich kaltschnäuzig sitzen.» Karl reicht uns freundschaftlich die Hand und wünschte jedem lachend noch einen anregenden Nachmittag bei mRNA, DNA und geistigen Getränken. Gerne erwarte er demnächst aber einen ausführlichen Bericht vom Erfolg unserer gemeinsamen Jagd. «Aber ja doch, Charly,» gab Stoffel leicht verärgert zurück und wendete sich schulterzuckend von ihm ab. «Wie nun,» fragte ich zurück, «heisst der imposante Herr mit dem Reisegepäck nun Karl oder Charly?» Charly, das sei sein Rufname aus der Schulzeit, erklärte mir Erni.

*

«Leute, wie seht ihr das, habt ihr zwei nun wenigstens Lust, mir nach Hause zu folgen, wo wir dann ungestört unserem Interesse an Genen weiter frönen können. Meine Rosi ist den ganzen Tag unterwegs und wir würden niemanden dabei stören», forderte uns Stoffel auf. Ein Kaffee, ein Bier oder was Edleres werde sich dabei sicherlich auch noch finden lassen. Wir willigten ein und machten uns auf den Weg.

Karl sei eigentlich eine tragische Figur, begann mir Erni unterwegs zu erzählen. Etwa zehn Jahre nach der Geburt der Zwillingssöhne Michael und Mathias sei Elli, Karls Frau, an Brustkrebs verstorben. Karl sei darüber in eine grosse Depression gefallen und habe die darauffolgenden drei Monate in der Klinik verbracht, während seine Schwester die Zwillinge bemutterte. Geheiratet habe er hinterher nicht mehr, aber er hätte sich für die Fürsorge seiner Kinder eine Tagesmutter engagiert. Diese habe für acht oder neun Jahre ausgezeichnete Arbeit geleistet, denn Michael und Mathias hätten sich prächtig entwickelt – klug, freundlich, hilfsbereit, sportlich und waghalsig. Diese Interessenslage, so müsse man wohl hinterher urteilen, habe dann zumindest für einen der beiden, den Mathias, zur Katastrophe geführt.

«Beide sind sie leidenschaftliche Berggänger gewesen und verbrachten oft mehrere Tage in Folge auf Wanderungen und Klettertouren in den Alpen», erzählte Stoffel weiter, dem man beiläufig anzuhören begann, wie sehr ihn der Vorfall innerlich bewegte, den er sich anschickte, zu erzählen. Mit neunzehn Jahren sei Mathias ohne seinen Bruder, der für drei Monate in London weilte, um sein Englisch zu perfektionieren, auf Exkursion in die Zentralschweizer Alpen gestiegen. Von einer dieser Exkursionen sei er dann unerwartet nicht mehr zurückgekehrt. Karl sei sofort alarmiert gewesen, da er das Schlimmste befürchten muss, denn dies war noch nie vorgekommen. Die beiden waren unbedingt zuverlässig. Hätte er geplant, länger in den Bergen zu bleiben, dann fände sich mit Sicherheit eine entsprechende Notiz auf dem Küchentisch.

In der Folge seien Suchtrupps in die Region ausgeschickt worden. Tagelang habe man nichts dem Zufall überlassen, den Jungen zu finden. Karl, selber ein guter Berggänger, habe sich natürlich an der Suche beteiligt. Nach einer Woche sei die Suche dann abgebrochen worden, nur Karl liess es sich nicht durchgehen, so einfach aufzugeben. Keiner wisse, wie viele Tage und Wochen Karl und Michael durch die Bergkämme über dem Urnersee gestreift seien, das Schlimmste ahnend aber ungebrochen willens, weiter zu machen.

«Das Berg- und Familiendrama endete damit,» so Erni mit düsterer Stimme, «dass Mathias bis heute nicht gefunden wurde.» Man hätt ihn nach einem Jahr für tot erklärt, worauf ein symbolisches Begräbnis im Familien- und Freundeskreis statt gefunden hatte. «Was meinst du mit symbolisch», fragte ich zurück. «Nun, man hat dem Grab seiner Mutter eine Urne beigesetzt mit einem Bild und mehreren Erinnerungsstücken darin», erklärte Erni. Das sei ja unendlich traurig, hörte ich mich sagen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man sich als Vater fühlen musste, sich von seinem verschollenen Kind auf diese Weise verabschieden zu müssen.

«Damit sei das Drama aber noch nicht beendet», ereiferte sich Stoffel. Es hätte doch tatsächlich üble Verleumder und völlig gewissen- und herzlose Zungen gegeben, die behaupteten, dass Mathias bloss ein Fahnenflüchtiger sei, der dem Eintritt in die Rekrutenschule ausgewichen und ins Ausland verschwunden sei. «Man kann sich nicht vorstellen, was der bedauernswerte Charly alles durchgemacht hat», schloss Stoffel seine traurigen Ausführungen. «Ja, die Menschen sind oft unverständlich und diabolisch grausam im Umgang miteinander», sinnierte Erni. Und es sei erstaunlich, dass Karl aus dieser Schlangengrube überhaupt wieder herausgefunden habe. Da sie gewusst hätten, dass Karl ein tief gläubiger Mensch sei, hätten sie beim alten Dorfpfarrer in der Adventszeit eine Andacht in Auftrag gegeben und einige bereitwillige Menschen gefunden, von ihren persönlichen Erinnerungen an den verstorbenen Mathias zu erzählen. Diese Reminiszenzen hätten sie gleichzeitig auch zu Papier gebracht und Karl im Rahmen der Andachtsfeier ausgehändigt. Das gebrochene Vaterherz hätte sich dabei dankbar in Tränen aufgelöst.

Es sei mehr als ein Jahr ins Land gezogen, bevor der gute Charly eines schönen Tages plötzlich wieder vor der Tür gestanden habe und sich für das Erinnerungsarrangement bei ihnen bedankte. «Hei ja,» meinte Stoffel übermütig, «und seither scheuert uns Karl zweimal pro Jahr gratis und franko die Kamine unserer Häuser». «Dummkopf,» tadelte ihn Erni kurz und trocken. Ich beliess es bei einem missbilligenden Kopfschütteln. Dann packte ich meine beiden Freunde beim Arm und entschuldigte mich, dass mir der Kopf nach dieser schrecklichen Geschichte nicht mehr nach Jagd auf Gene und ähnliche Unternehmungen stehe. Ich fühlte mich aufgewühlt und wollte nur noch nach Hause. Stoffel und Erni bedauerten meinen Entschluss, zeigten aber Verständnis.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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