Stoffel und Erni: Einer gibt immer Anlass zur Sorge

Eitel Sonnenschein war gestern. Manchmal schwehlt etwas in der Luft, was sich erst viel später manifestiert

Ich stand eben im Begriff ins Dorf zu laufen, um einige notwendige Einkäufe für den Abend zu tätigen, als ich mich der gedeckten Terrasse des Gasthof Hirschen näherte und schon von weitem zielgenau zwei mächtig engagiert klingende Stimmen aus der allgemeinen Geräuschkulisse heraus zu schälen vermochte, die klar meinen beiden Freunden, Stoffel und Erni, zuzuordnen waren. Meine Gemütsverfassung heiterte sich augenblicklich auf und ich fragte mich jetzt schon innerlich schmunzelnd, welcher Teufel sie wohl diesmal reiten mochte. Wenn die beiden sich so laut unterhielten, dann bedeutete dies, dass sie sich mit harten Bandagen und wilden Argumenten bekämpften. Mochten sie sich in Debatten auch noch so heftig bekämpfen, als Freunde standen sie zweifellos zueinander und einer hinter dem anderen. So manch einer mochte die beiden um ihre langjährige und intensive Freundschaft beneiden, für mich indessen waren sie eine Bereicherung.

Als ich mich ihnen zielstrebig zuwandte, erkannte ich zudem den Josef, der genüsslich dabeisass und sich offensichtlich köstlich amüsierte ob dem Kabarett, das die Beiden da auf der mit Gästen gut besuchten Terrasse zelebrierten. Ich wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass Stoffel und Erni laut werden konnten, wenn sie sich engagiert in ein Thema verbissen hatten. Als Josef mich erblickte, winkte er mich hocherfreut herbei und gab mir zu verstehen, dass ich ihm beistehen sollte, falls die beiden Streithähne sich wider Erwarten in die Haare geraten sollten. «Stilzchen nochmal, was ist denn das für ein Tumult, man hört euch ja schon von weitem über die gut befahrene Dorfstrasse hinweg,» wandte ich mich fragend an die Beiden und setzte mich Hände schüttelnd am Tisch dazu.

«Kommst wie gerufen», rumpelte Stoffel mit seinem sonoren Bass drauflos. «Ich versuche den an Taubheit leidenden Erni vergeblich davon zu überzeugen, dass die Politik seit vielen Jahren mit ihrer phantasielosen Strategie in Landwirtschafts- und Versorgungsbelangen wiederholt falsche Anreize gesetzt hat,» rekapitulierte er den derzeitigen Diskussionsstand aus seiner Sicht. «Du hast es bestimmt schon gecheckt, Rick,» richtete sich Josef an mich, «die beiden Hitzköpfe haben sich heillos im Debakel von für und wider zu den zwei zur Abstimmung bevorstehenden Landwirtschaftsinitiativen verstrickt.» «Ach der mit seinen falschen Anreizen», meldete sich nun auch Erni etwas gequält zu Wort, «Stoffel hat wohl die vergangenen 40 Jahre Landwirtschaftspolitik im Meinungsnirvana verpennt. Und jetzt will er nichts entscheiden, weil er Angst hat, falsch zu liegen. Aber lass dir gesagt sein, ein zweifaches Nein ist die falsche Entscheidung.»

Wie das zu verstehen sei, wollte Josef von Erni wissen. «Ach, schau ihn dir doch an, der tattrige Stoffel hängt schon Jahrzehnte am Rockzipfel der SVP (Schweizerische Volkspartei) und macht da einen auf Lieb-Kind.» «Ja du, klein Wendehals,» konterte Stoffel, «hingst ja selber an den Zitzen des Bauernverbandes, bevor du dich den Grünen zuwandtest. Wenn du ehrlich bist, dann musst du zugeben, dass die SVP in vielen Dinge heute überzeugender und fortschrittlicher ist, als deine Grünen.»

«Ah, verstehe, ihr debattiert die Gründe für ein Ja oder Nein zur Trinkwasser- und zur Pestizid-Initiative,» resümierte ich. «Ich kann verstehen, wenn Stoffel von falschen Anreizen spricht, aber ich würde auch begreifen, wenn Erni das nicht wahrhaben will.» Klar sei aber, bezog ich vorausschickend zur Erleichterung des weiteren Diskussionsverlaufs Stellung, dass man zweifellos mit einem Ja für diese beiden Initiativen stimmen müsse. Josef und Erni klopften zustimmend auf die Tischkante als sich die Serviertochter unserem Tisch zu wandte.

«War das ein signalhaftes Hilfe, ich habe Durst? Wünschen die Herren Nachschub,» wandte sie sich im heiteren Rundumblick an uns. «Legt euch ja mächtig ins Zeug, ihr Abstimmungs-Experten. Gell, da trocknet die Kehle schnell aus und die guten Ideen und Argumente stolpern dabei hilflos über die geschwollene Zunge und den schmalen Lippenrand,» lachte sie aufreizend. «Therese, wahrlich weise gesprochen, bist eine Poetin,» lobte Josef sie.

«Die nächste Runde geht auf mich,» mischte ich mich ein, «bring den Herren, was sie begehren und ich hätte gerne einen sauren Saft.» «Na klar, ein saurer Saft? Das sieht dir ähnlich du Essiggürkchen,» spottete Stoffel: «Kommst so scheinheilig und zufällig vorbei und hast nichts weiter im Sinn, als mir meine Wahlpropaganda schlecht zu reden,» schalt er mich.

Er sehe das wie Stoffel, nahm Josef das unterbrochene Gespräch wieder auf, froh um etwas Unterstützung von meiner Seite. Subventionen seien bestimmt nicht das probateste Mittel für eine ökologische Landwirtschaft. Dazu brauche es Sachverstand und erfahrene Einsicht in die Geheimnisse der Natur. «Aus meiner Sicht mutieren die Konsumenten im Zuge solcher Falschanreize lediglich zu meisterlichen Schnäppchenjägern, während sich der Grossteil des Bauernstandes auf das Jagen und Sammeln von Subventionen verlegt.» «Scharfer Tobak, mit dem du da die Umwelt belastest,» kommentierte Erni Josefs Aussage. «Sei bloss froh, dass dir im Moment kein Bauer zuhört,» der würde dir ein anderes Lied singen, ein weniger frohes.

«Gemessen an deinem Diskussionseinstieg sympathisierst du wohl auch mit den Grünen,» wandte sich Erni neugierig an mich. Ich winkte theatralisch ab. Grüne, Linke, Rechte, von dem Karussell sei ich vor langer Zeit schon abgesprungen, respektive, hätte ich mich aus Desinteresse noch nie ernsthaft anstecken lassen. Ein Parteiensystem nütze nichts in einer Basisdemokratie. Der Föderalismus sei schon eine gute Sache, entsprechend müsste man darauf pochen, dass Entscheidungen in solchen Angelegenheiten lokal getroffen würden. Links, Rechts, Grün, das sei alles nur noch Augenwischerei. Zwischenzeitlich regiere in Bern doch ohnehin nur noch der Lobbyismus. «Na ja, du musst es ja wissen,» maulte Stoffel: «Wüsste ich es nicht besser, dass Politik dich wenig umtut, dann hielte ich dich wahrlich für einen meisterlichen Lobbyisten.»

Über Jahrhunderte sei Europa vom dogmatischen Konservatismus des Vatikans beherrscht worden, bis mit dem Protestantismus und der Französischen Revolution der Liberalismus zu seinem Siegeszug aufmarschiert sei., holte ich aus. Das Heilige Römische Reich, als mächtigste Feudalherrschaft im früheuropäischen Garten habe sich die Bauern im Lehenswesen verpflichtet und sie gezwungen, im Ernstfall für die Belange der Kirche einzustehen – und sei es nur mit Mistgabel und Hacke. Dieses Prinzip hätten die Vornehmen und Reichen, Könige, Herzöge und Fürsten von der Heiligkeit abgeschaut und damit kräftig an der Zweiklassengesellschaft mitgebaut.

«Junge, jetzt driftest du aber arg ab, was haben Mittelalter und Revolutionsaera mit dieser Abstimmung zu tun! Komm in die Gegenwart zurück. Unsere Versorgung ist doch längst nicht mehr gesichert, wenn man Subventionen vom Verzicht auf Pestizide und Antibiotika abhängig macht,» ereiferte sich Stoffel. Das sei ein blödes und sicherlich ungerechtes Spiel, das da getrieben werden, kam mir Erni mit seiner persönlichen Einschätzung der Sachlage zu Hilfe. Zuerst unterstützen Futtermittelkonzerne mit zweifelhaften Anliegen den Bauernstand und brächten ihn vertraglich über Generationen in ihre Abhängigkeit, und dann versuche man sie von anderer Seite mit Gewalt aus deren Klauen zu lösen, indem Aussenstehende heile Welt predigten und den Obulus der Industrie durch Subventionen zu ersetzen gedenkten.

Mir schien, die Diskussion ging diesmal ganz sonderbare Wege. Jeder schien aus einer gewissen Reserve heraus zu sprechen, verschluckte Argumente und verkürzte den Entscheidungsweg, wo es ihm gerade passte. Dies war geradezu untypisch für unsere Männerrunde. Es dünkte mich, als ob sich gegenwärtig keiner richtig in Laune befand, nachhaltig zu politisieren. Ich wachte aus meinem Nachsinnen auf, als ich Josef  sagen hörte: «Du glaubst also, dass hier quasi eine harte Zäsur angestrebt wird.» Da frage er sich doch, ob es nicht einfachere und weniger brutale Lenkungsmittel gebe, um dasselbe Ziel zu erreichen. «So sieht es aus», nickte Erni ihm beipflichtend zu. «Ist wirklich ein weites Feld», gab ich sowohl Stoffel als auch Josef und Erni recht. «Und wie die Dinge stehen, werden wir uns hier wohl auch nicht einig. Lasst uns diese Landwirtschaftsinitiativen mit dem Stand von drei Ja zu einem Nein verlassen und wenden wir uns doch dem Covid-Gesetz zu.» Stoffel schien mit dieser Wendung unzufrieden und gab nur ungern und lauthals murrend nach.

«Dann gib mal Laut,» forderte mich Erni provozierend zur Farbbekennung in Fragen Covid-19-Gesetz auf. Es sei doch sicher auch in meinem Sinne, dass es so etwas wie eines erweiterten Notstandsgesetzes bedürfe, das dem Bundesrat als legitimes Leitmassnahmentool zur Verfügung stehe. «Wow, hab gar nicht gewusst, dass du so ein Arsch sein kannst,» bedankte ich mich bei Erni für die wenig höfliche Überleitung; nicht immer bekomme recht, wer am lautesten und provokantesten belle, fügte ich an. Josef schaltete sich als Mediator dazwischen und fand, dass das Notstandsgesetzt in so diffizilen Zeiten durchaus reiche. Er sehe nicht ein, warum man bei jeder Kriese einem generellen Notstandgesetz weitere Aspekte hinzufügen müsse. Der Bundesrat müsse in einer Notlage handeln können, und dazu reiche die bestehende Gesetzeslage aus. Es sei ja wohl nicht zu erwarten, dass man den Bundesrat falscher Massnahmen bezichtige und gesetzlich belangen wolle. Ein Notstand sei ein Notstand und da sei es seiner Ansicht nach sogar erlaubt, Fehler zu machen. Und schliesslich gelange jeder Notstand mal an sein natürliches Ende. «Gut gesprochen,» pflichtete Stoffel dem Josef bei.

«Dem kann ich nur zustimmen,» liess ich vernehmen. Wenn Kriegsrecht herrsche, was ja einem Notstand in etwa gleichkomme, masse man sich ja auch nicht an, dem General gesetzliche Leitplanken zu setzen, wie er Krieg zu führen hätte. Da Erni sich kurz vom Tisch entfernt hatte und zwischenzeitlich noch nicht wieder zurückgekehrt war, liessen wir es bei einem gemeinsamen Nein zum vorgeschlagenen Gesetz bewenden.

Als Erni zurückkehrte, befanden sich Stoffel, Josef und ich mitten in der Auseinandersetzung zum CO2-Gesetz. Da Erni sich nicht wieder zu setzen anschickte, blickten wir fragend zu ihm auf. «Ja, Jungs, schaut nur, es ist Zeit für mich, zu gehen,» meinte er kurz angebunden. Er hätte eben gemerkt, dass er einen Zahnarzttermin habe und darum auf die weitere Debatte leider verzichten müsse. Wenn es uns helfe, so verrate er aber abschliessend noch kurz seine Parolen: «Ja zum CO2-Gesetz, Nein zum Terrorismusgesetz.» Damit verabschiedete er sich überhastet von uns und ging unsicheren Schritts seines Wegs.

«Was ist denn in den Erni gefahren,» wandte ich mich besorgt an Stoffel, «nimmst du ihm diesen Zahnarzttermin ab?» «Nicht so recht,» bekundete Stoffel. Erni benehme sich schon eine ganze Weile etwas seltsam, sei häufig gereizt und aufbrausend, so ganz wider seine Natur. Ja, das sei ihm auch schon aufgefallen, pflichtete Josef bei. Sein guter Nachbar sei viel seltener als sonst im Garten anzutreffen und mache öfters einen etwas reservierten Eindruck. Da offensichtlich keiner wusste, was Ernis wahre Beweggründe für sein verändertes Verhalten sein mochten, einigten wir uns darauf, dass wir uns in den nächsten Tagen je einzeln um unseren Freund kümmern wollten, dass es uns so vielleicht gelingen würde, in Erfahrung zu bringen, was ihm fehlte.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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