Bewusstseins-Wandel

Das berühmte Schlangenei.

Diese Betrachtung widme ich all den ehemaligen, gegenwärtigen und zukünftigen Argonauten da draussen in der Zeitlosigkeit der sieben Weltmeere, die sich schon immer ihren Weg durch die Gezeiten auf Grund der Beobachtung der Gestirne und Himmelserscheinungen gebahnt haben. Da wo die Zeit ins Leere fällt, gibt es kein gestern heute und morgen. Ziele sind Willkür, was zählt ist die Reise.

Der Mensch wird sich vermutlich daran gewöhnen müssen, zu akzeptieren, nicht zu sein, was er einmal war und nicht zu bleiben, was er heute ist. Dafür bürgt bereits schon die einfache Tatsache, dass der Schritt vom unmittelbaren Erlebnis zur Erinnerung ein gleichzeitiger ist, da die Richtung sich dabei nicht ändert und ihn einzig die Zukunft führt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wäre Geschichte letztlich die Saga einer phantastischen, immerwährenden und sich fortbewegenden Transformation von einem in anderes und mehr. In diesem Prozess vermischen sich Mensch und Universum unwillkürlich und untrennbar. Das berühmte existenzielle Fragen nach dem Woher und Wohin endet kläglich als Zirkelschluss.

Das Universum in den bildgebenden Darstellungen der Astronomie und der Astrophysik ist von ungeheuerlich gefährlicher Anmut und Schönheit. Galaxien übertreffen darin an Zartheit und Anmut die künstlerische Darstellung von Elfen und Feen in älteren Gemälden von Füssli, Blommér, Malmström oder Böcklin. Galaxien, in ihnen wohnt jene gleichsam nordisch infizierte Faszination für das Ursprüngliche, an der wir uns kaum satt zu sehen vermögen. Weitreichende ungeheure Energieflüsse, Dichte, Gravitation, Leben; das Universum ist ein stetig wachsendes Zauberwesen, das diesen intergalaktischen Verwirbelungen durch eine Vielzahl von Raum-Zeiten den Rahmen zu immer neuen Verwandtschaften, Verbindungen und auch wieder Zersetzungen bietet. Gleichzeitig sind sie kalt, abweisend, unerreichbar und unfassbar gefährlich – nicht bloss existenzgefährdend.

Wunderlich genug, dass in diesem Gigantismus kosmischen Unternehmertums aus Helium, Wasser, Sauerstoff, Kohlenstoff, Eisen, Neon oder Schwefel überhaupt so etwas wie Leben je entstanden ist. Unfassbar dieser gestaltgebende Wille zu einem organischen Ganzen, was für ein Plan dahinter! Wird diesem Bewusstsein doch Raum gewährt, sich in solch kosmologischen Turbulenzen seiner selbst punktuell bewusst, weil fündig zu werden. Was für eine ungeheuerliche Ironie in den Grössenverhältnissen, was für eine unglaubliche Reihe an Zufälligkeiten, welch geheimnisvolles Zusammentreffen des Widersprüchlichen.

Und wo wirbelt und zwirbelt jener ewige Geist, der west, ohne zu bleiben und hervorruft, was wieder vergeht und zerfällt. Woher nimmt er jene unvorstellbare Grösse, frei von Angst sich selbst immer wieder in anderem zu erneuern, ohne sich dabei zu verlieren oder zu verirren, und doch stets wissend um die eigene Veränderbarkeit, als gäbe es für diesen Reigen einen geheimen Code oder Regeln, nach denen sich alles orientiert. Wallende lichte Sternenstaubschleier sind seine prunke Uniform; Biegsamkeit, Eleganz und Verführung prägen sein Treiben; und dennoch, gibt es etwas lebensverächtlich Gefährlicheres als ihn, den Unsäglichen, als sie, die Unsägliche, als es, das Unsägliche? Man spürt es, fast schon unanständig nah, die Sprache versagt, wo das Geheimnis beginnt.

Und doch existiert bei allem Versagen jener gesprächige Umstand, welcher es ermöglichte, dass sich dieses auf sich selbst fokussierte Bewusstsein ein logozentrisches Konstrukt, eine Art Paralluniversum erschuf, welches man wahlweise Wort, Gott oder Unendlichkeit bezeichnet. Das menschliche Bewusstsein ergeht sich in Metaphern, Allegorien und Analogismen, wenn es versucht, das Rätsel seines Daseins auszuloten und zu erklären. Der Mensch komme aus dem Nichts und kehre dahin zurück, bedeutet uns das Bewusstsein gelassen neutral, als stände ausser Frage, in welcher Beziehung es zu uns selbst steht, als wäre es selbst davon nicht betroffen. Es trifft damit unser zerbrechliches Selbst mit der Stärke eines terrestrischen Bebens, das uns sprichwörtlich von den Socken haut.

Sprache ist eine Ansammlung von Runen in jenem parallelen Sein, mittels deren das Bewusstsein versucht entlang am eigenen Leitfaden einfachen Vergleichens den flüchtigen Spuren seiner Geschichte zu folgen und so sich ängstlich neu zu verstehen und fortwährend zu verändern. Man kann gleichwohl nicht behaupten, allem Vergleichen zu trotz, dass es sich dabei stets nur blind hinterherhinkt. Vielmehr handelt es sich bei diesem Tun um eine Art vorausblickenden Vorsorgeakt der Selbstfindung, sich immer wieder neu zu konstituieren und zu festigen, um als Prozess im Wandel nicht zu versagen. Die zentrale Botschaft der Sprache der Selbstfindung spricht von ihrem Verlust hin zu diffusionierender, steter Ausdehnung unter ständiger Durchmischung hin in eine neue Potenz ihrer selbst. Tödlich und heilsam zugleich, doch dem Logos scheinen noch unzählig viele Sonnen.

Auch wenn sie sich in ihrem immergleichen Schicksal gegenseitig zu betrauern vermögen, harrt jede von ihnen, wehmütig, nicht weinend, jenem unvergleichlichen, nicht zu wiederholenden, einzigartigen Moment des gleissenden Selbstverlustes entgegen, wo sie als Supernova die Grund- und Botenstoffe des Lebens über Lichtjahre hinaus neu verteilt und durchmischt. In der Dichte dieser Energie thront gleichsam der Tod, der gütig und dennoch, energisch sich durchsetzend, seine Bezirke neu absteckt, um so dem Leben, gleichsam Güte darreichend, durch die eigene Retardierung zur Flucht nach vorne zu raten, hinein ins Abenteuer des entdichteten weiteren Raums.

Der Mensch hingegen verharrt bestenfalls auf seinem eclyptischen Kurs entlang den Rändern des von ihm bewohnten Planeten. Fängt man hinterher dann ernüchtert an, die Sprache des Bewusstseins lediglich zu listen, um sich so wenigstens einen bescheidenen Überblick über die wichtigsten Komponenten zu verschaffen, die zur Beschreibung des Universums und seiner Geheimnisse herbeigezogen werden, dann eröffnet sich daraus leider längst noch keine taugliche Theorie, das Faszinosum unseres Daseins zu errechnen. Da gibt es Sterne, Supernovä, Gravitationspunkte, Schwarze Löcher, Energiejets, Kosmischen Staub und dergleichen mehr. Und dazwischen west zum Erschrecken der Unwissenheit die kalte Leere des Raums als dunkle Energie und Materie.

Da stehen wir nun, angelangt am Abgrund der Zeit, und schauen suchend geschärften Blicks hinaus und rufen hoffnungsvoll nach den uns vorauseilenden Argonauten eines Daseins, das wir uns mutig versprachen – wir wollen doch leben! Nicht? Zwichen diesen Klippen müssen wir hindurch und uns entscheiden, ungeachtet dessen, ob wir denn eine Wahl haben oder nicht.

*

Geht man davon aus, dass sich das Bewusstsein bei der Auslotung und Zurechtlegung seines Kosmos, man nennt diesen Vorgang auch Wissenschaft, an Bildern orientiert, die das Ganze seiner bekannten Kosmologie in sich vergleichend umfasst, dann gerät man in eine Art selbstzerstörerischen Strudel, der alles an sich und mit sich reisst und nach immer stärkerer Verdichtung trachtet, bis Bild und Abbild in eins fallen und sich gleissend auflösen. Wie das geht? Man stehe nur lange genug vor dem Spiegel und frage sich, auf welche Seite man gehört. Die selbe, eben beschriebene Wahl noch einmal. Das Tor, welches sich dabei öffnet, ist die goldene Pforte zum Wahnsinn, welcher seiner Natur gemässe, lediglich die höhere Potenz jeweiliger Bewusstseinsgrade darstellt.

Auf dem langen Gang der Erkenntnis hier erst einmal angelangt, wird es komplex, peinlich und spitzfindig, solange man dabei auf etwas wartet und hofft, was uns nichts und niemand jemals versprechen konnte noch wollte. Als Gott damals die Erde erschuf, gab er sich sechs Tage lang, wir wollen dies gerne glauben, zweifellos wirklich alle erdenkliche Mühe, ruhte sich dann leider aber am siebten Tage aus, und vergass daraufhin, sich selber wieder aus dem Spiel zu nehmen und die Menschen tunlichst sich selbst zu überlassen.

Womöglich aber wohnt darin gerade die Täuschung und Gott wollte sich von seiner als tauglich befundenen Schöpfung erst gar nicht abwenden. Dies war ein katastrophaler Fehler, denn in seiner Selbstvergessenheit verpasste er es dann, sich als zielgebende Kreatur auf der Arche Noahs in die Rettung und den Schutz künftiger Gestade zu begeben. Was für ein tragisches Konglomerat an biblischen Unfällen: Vertreibung aus dem Paradies der Erkenntnis, Vertreibung Kains aus der Vertrautheit des Häuslichen, dem Schosse der Familien und der Liebe, und dann noch die grosse verfluchte Flut, welche alles Leben auf diesem Planeten auslöschte. Dabei vollzog sich abermals und unerwartet ein Wunder, da sich dabei eine neue, höhere Spezies entwickelte. Bei diesem unbeabsichtigten zweiten Versuch geriet es uns zum Wohle, dass Gott bereits im Verborgenen weste und ihm so nichts Anderes mehr übrigblieb, künftig als verborgener Gott sein eigenes Schicksal zu verwalten.

Man könnte hier nun findig und schlau einwenden, dass solche Betrachtungsweisen zu nichts führten. Und genau dies trifft, salopp gesprochen, dem Nagel auf den Kopf, denn das Nichts ist nur der Neuanfang eines Etwas. Die Konstanz der Verwandlung setzt sich fort, Wandel über Wandel, sich dehnend und streckend, dahin, wonach das neue Bewusstsein geduldig ausschaut. Auf der Suche nach sich selbst findet es immer wieder neue Metaphern für das andere, das es selber nicht ist und ändert sich dabei zu etwas, was es in Vergessenheit seiner selbst dann endlich gesundend zurücklässt.

Man stelle sich vor, ein hungriger Wolf, der seiner eigenen Spur folgt, in der Hoffnung auf nahrhafte Beute für die Tilgung seines unbändigen Hungers. Er beisst sich letztlich dann selber, weil er weiss, dass dies nach Bekanntwerden der Täuschung der einzige Akt der Gnade bleibt: Er muss untergehen, um so durch Selbstopferung und Verwendung als Beute dem Nächsten, ihm Folgenden im Rudel zu dienen. Das ist Kosmologie im Kleinen, wo die Gleichgültigkeit im Grossen, zum Opfergang des Kleinen metastasiert. Es kann nichts überleben, das nicht über sich selber hinaussteigt. Davon war letztlich auch Friedrich Nietzsche, der Philosoph unter den Argonauten, überzeugt, schickte er doch sinnbildlich den Diogenes auf mit der brennenden Laternie in der Hand über den Marktplatz. Und das bei bestem Tageslicht. Natürlich suchte er nach dem Menschen.

Eine Regierung, die nach mehr Macht, Einflussnahme und Geltung trachtet, egal ob sie im Auftrag oder unter eigener Regie handelt, das sollte sie sich vergegenwärtigen, verliert auf dem Weg dorthin alles. Das Volk, der einzige Garant der Regierenden, sie können sich ja schlecht selbst regieren, bleibt in dieser blinden Transformation zurück. Auf anderer Ebene mit geänderten Rahmenbedingungen muss dann alles von vorne beginnen, was aber immer nur heisst, neue Karten, neues Spiel bei garantielosem Ausgang. Man kann sich nicht vorstellen, was es heisst, etwas Anderes zu sein, da man dabei innerhalb einer gewissen Bandbreite stets nur restituiert was vordem galt. Man lässt dabei das ganz Andere aussen vor. Denn keiner profitiert, wo niemand sich zum Wohle des Ganzen opfert, so dass man sich blind in die Ausweglosigkeit allen Endens vortastet.

Und Menschen, ob Verschwörer oder nicht, können nicht umhin, die Welt dahin zu deuten, dass sie sich zum Besseren ändern werde und dabei, wohin sie auch schauen, immer nur diesen Umsturz zum Guten in allem angelegt finden. Es sollte sie misstrauisch stimmen, dass sich dieser vermeintliche Umsturz in allem so offenkundig und verführerisch abbildet und keiner Spekulation und noch so ersehnten Fluchtphantasie geheime Dimensionen öffnet. Denn dies wäre die Zuflucht, die es bräuchte, das Blutopfer zu umgehen. Die Menschen sollten zur Kenntnis nehmen, dass dieser Umsturz ansonsten schrecklich und unbarmherzig sein wird, denn jede Revolution verläuft nach den Forderungen des Blutes. Revolutionen sind nichts für ungeduldige, ungestüme Menschen.

Man kann zwar so tun und die Brücken des Schmerzes blutend und hinkend überqueren, im Trug des eigenen Wahns, als fliesse hier lediglich das Blut des anderen. Man erinnert sich, der Tod muss Beute machen und seine Bezirke stets neu abstecken. Ich wiederhole es gerne, er tut das, um so dem Leben, durch die eigene Retardierung den Weg zur Flucht nach vorne zu ebnen. Was kosmologisch mit Verkühlung und Erstreckung ins Jenseits des jemals Vorstellbaren einhergeht, endet im Weltlichen und Begrenzten mit den unsäglichen Qualen des Lebenselixiers, bis dann, eine oder zwei Generationen später, ein neuer Versöhnungsvertrag seine Anwendung findet und die Unvernunft tilgt.

Jede Transformation kündigt sich uns in Gleichnissen, Bildern und Ahnungen an, der einzig gültigen Sprache des Bewusstseins. Egal in welchen Bereichen des Menschlichen wir uns bewegen, jede Veränderung trifft uns stets in der Gänze. Die Folge davon sind Krankheiten, fiebrige Gedanken und Vorstellungen, die uns überhitzt und unaufgefordert in Richtung der Transformation des Körperlichen drängen. Es gleicht im Endergebnis dem Häuten der Schlange, der Verpuppung der Raupe und letztlich unserer Wiederfindung im Seelischen.

Ja richtig, hier beginnt die Geburt der Psyche im Menschlichen, der schönsten aller Prinzessinnen. Doch wehe, wir schüren damit den Ärger und die Eifersucht der Aphrodite, welche uns Eros schickt, uns abermals mit Verblendung zu strafen. Wenn dies geschehen sollte, dann können wir nur darauf hoffen, dass Eros selbst, wie einst schon einmal geschehen, um die Hand der Prinzessin anhält und wir stark genug sind, über unser Glück im Lichte des sich weiter verdichtenden Ereignishorizonts zu schweigen, ansonsten uns nichts anderes übrigbliebe, als einsam und heimatlos durch die Einöde zu wandern, auf der hoffnungslosen Suche nach der ehemals verspielten und verlorenen göttlichen Liebe.

Hier treffen sich Mythologie und christliches Glaubensgut unverhofftt wieder, als wären sie zwei Galaxien, jeder gefangen im Strudel der Gravitation des anderen, auf energievoll kühnem Kurs gegenseitiger Verzerrungen.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

Ein Kommentar zu “Bewusstseins-Wandel

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