Argonauten-Vorwort

Es scheint, als ob die Erde die Lebewesen, die sie in Laufe der Evolution – vielleicht zu ihrem Vergnügen – hervorgebracht hat, eigens mit Sinnen ausstattete, um nicht einsam dazustehen und sich weiterhin stumm und gelangweilt nur um sich zu drehen. Dem Menschen schenkte sie dabei ihr besonderes Augenmerk und beschloss, ihn reichlich zuvorkommend zu behandeln. Augen, Ohren, Nase und einen Tastsinn hat sie ihm geschenkt. Damit ihr Günstling künftig nicht nur sinnlos vor sich hin lalle, sorgte die Erde dafür, dass er in der Lage sein würde, das zu Sehende, zu Hörende, zu Riechende und zu Fühlende zu erinnern. Es stellte sich dabei aber schnell heraus, dass ein Kurzzeitgedächtnis allein nicht die Lösung hierfür sein würde. Der Mensch sollte mit einer Fähigkeit ausgestattet werden, sich wiederholende Erfahrungen und Geschehnisse besser zu verarbeiten und vor allem langfristig zu erinnern. Und die Erde beschloss, dass die so generierten Inhalte vererbbar würden. Dies eröffnete einer speziellen Gabe Tür und Tor, dem Bewusstsein, welches seine Wissenssammlung, gewonnen aus dem gestärkten Gedächtnis, dazu verwendete, seinem Träger individuell einen Kosmos zu schaffen und zu vergegenwärtigen, innerhalb dessen er künftig selbstbewusst zu agieren und zu reagieren vermochte.

Die Erde lieferte sich mit diesem Gewaltakt, Ironie des Schicksals, der Willkür und freien Geistesentfaltung des Menschen aus. An die Wunschstelle von Gesprächen, Diskussionen und geistreichen Auseinandersetzungen trat ein kriegerischer Geist. Die Günstlinge, darauf bedacht, ihr ihnen rätselhaftes, sie stets nur beängstigendes Dasein entscheidend zu verändern, wandten sich gegen die Erde und zehrten kräftig an deren schier unerschöpflich vorhandenen Ressourcen. Sie gediehen dabei prächtig und es war abzusehen, dass sie dereinst in der Lage sein würde, kurzsichtig und selbstsüchtig, wie sie handelten, sich ihrer eigenen Lebensgrundlage zu berauben und damit die Erde zu zerstören.

Ungeachtet dieser immensen Gefahr wuchs in uns Menschen, parallel zu unserem steilen Werdegang, ein weitreichender und Unendlichkeiten umspannender archetypischer Fundus an Daseinsstoff heran, das Unterbewusstsein. Uns blieb dieser Fundus für lange Zeit verborgen, bis er von der Erde aktiviert wurde. Sie sah darin das Hilfsmittel, den drohenden Untergang abzuwenden, indem das Unterbewusstsein in Zukunft seinen Träger korrektiv durch die verschiedensten Lebensphasen begleiteten sollte. Ihm oblag die Aufgabe, bei falschen Entscheidungen mit seltsamen, wie zugeworfenen, psychosomatischen Schmerzen, zu reagieren, welche der davon Betroffene nicht zu ignorieren vermochte und somit handlungsunfähig wurde. All die geplagten und leidenden Wesen sahen sich gezwungen, Anstrengungen zu unternehmen, die Ursachen der Beeinträchtigungen zu ergründen, denn nur so, das wurde schnell deutlich, würde sich Linderung einstellen.

Im Verlauf der Geschichte des Bewusstseins und des Unterbewussten traten immer wieder Wesen in Erscheinung, Götter, Helden, Geister, Dichter, Denker oder Seher, welche dem Projekt in umfangreichem Masse zu weiterer Grösse verhalfen. Von den Abenteuern dieser Fahrenden, ich nenne sie die Argonauten des Bewusstseins, soll im Folgenden die Rede sein. Ich versuche das im Vertrauen darauf, dass der selbstbewusste Mensch zwischenzeitlich gereift genug ist, die Folgen seines Tuns im Hinblick auf seine Lebensgrundlage besser abschätzen zu können und die schlimmsten Fehler künftig zu unterlassen. Doch alles der Reihe nach.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

7 Kommentare zu „Argonauten-Vorwort

  1. Habe ein wenig Mühe mit dieser Menschheitsgeschichte: Woher kommt denn diese Muttergöttin? An die glaube ich auch nicht. Und dass das Unterbewusstsein, wenn es uns bewusst werden könnte, eine Rolle bei der Rettung der Menschen spielen könnte, kann ich mir zwar vorstellen, aber nicht, wenn es schon mit Jungschen Archetypen infiziert ist. Aber warten wir’s ab. 🙂

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    1. Es geht hier nicht um die Gründung eines neuen Glaubens oder einer Sekte. Die Rede ist von Symbolen, die ich durch den Zusammenhang literarisch aufgeschlüsselt habe. Das zu Glauben oder nicht steht selbstverständlich jeder Person frei. Zu Jung: es gibt Viren und Viren, die einen sollte man meiden, mit den andern darf man sich (mit Betonung auf Dürfen) getrost einlassen, da sie das Dasein aus einer neuen Perspektive beleuchten. Mit dem Unterbewusstsein ist das so eine Sache. Man geht davon aus, dass 93 Prozent des Universums aus dunkler Energie und Masse besteht, und kann damit Leben, warum nicht auch mit verschiedenen Annäherungsversuchen an das, von dem man so wenig weiss.

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    1. mit den Sätzen und ihrer Länge liegst du richtig. Ich liebe lange Sätze. Und wenn’s ja interessant klingt, nun dann habe ich mein Ziel ja fast erreicht. Danke

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