Stoffel und Erni auf weihnächtlicher Einkaufstour

Der Geist von Weihnachten unter Quarantäne

Stoffel und Erni hatten sich gemeinsam verabredet, für das bevorstehende Weihnachtsfest schnell vor dem Lockdown noch einige Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Ich wusste nichts davon und traf die beiden daher zufällig im Heim und Hobby (Einkaufszentrum) an, wohin ich mich verirrt hatte, in der Hoffnung, dort das gewünschte farbige Seidenpapier zu finden. «Das ist ja eine nette Bescherung, euch beide hier anzutreffen. Ihr seid wohl auch auf Einkaufstour,» fragte ich. «Ne,» antwortete Erni, «wir beide begleiten uns gegenseitig, um zu schauen, was du im Heim und Hobby suchst.» Ich lachte und antwortete, dass ich Seidenpapier benötigte, möglichst buntes. «Wozu brauchst du denn Seidenpapier,» fragte mich Erni neugierig.

«Ach ignoriere den Mann,» fuhr Stoffel dazwischen, «der tüftelt bestimmt nur an einer neuen modischen Gesichtsmaske herum.» «Gut sind wir hier nicht an einem TV-Quiz,» entgegnete ich ihm nun doch etwas gereizt, das könne ihm doch egal sein. Mein Ärger auf die beiden tat mir sogleich wieder leid, und ich beeilte mich zu erklären, dass ich beabsichtige mit dem Papier meine Wohnzimmerfenster künstlerisch ausgestalten zu lassen.» «Hört, hört – künstlerisch ausgestalten lassen. Hast du für Weihnachten tatsächlich einen Künstler engagiert, der bei dir mit Seidenpapier sein kreatives Unwesen treibt?» «Lass die Dinge bitte auf sich beruhen, Stoffel. Ich will bloss etwas Farbe in die Bude bringen,» erklärte ich immer noch leicht gereizt. Ob ich denn etwa so ein begnadeter Scherenschnittkünstler sei, wollte Erni wissen. «Da bringst du mich auf eine wirklich gute Idee,» antwortete ich ihm dankbar. Ich hätte mir nämlich noch keine Vorstellung davon gemacht, wie ich die Fenster dekorieren wollte. «Bitte, gern geschehen, stets zu Diensten,» antwortete mir Erni.

«Aber jetzt zu dir! Wonach suchst du denn hier im Einkaufszentrum,» wandte ich mich fragend an Erni: «Planst du unter die Hobbyhandwerker zu gehen, oder hast du eine Idee, was du deinem Enkel schenken willst?» Wenn er ehrlich sei, noch nicht.  In früheren Jahren hätte er immer gewusst, was er dem Stefan, seinem Enkel, zu Weihnachten schenken würde. Doch dieses Jahr mache das keinen richtigen Spass. Wegen Corona werde alles kompliziert, unübersichtlich und deprimierend. Von Fest könne man da schon gar nicht mehr sprechen. Da vergehe einem die Lust, wenn man sich die empfohlenen Auflagen für Heilig Abend anhöre.

«Alles wird reduziert auf seine blosse Funktionalität: zusammensitzen ja, aber nur zehn Personen und womöglich mit Maske. Und alle zwei Minuten rennt einer in die Küche, um seine Hände zu desinfizieren,» klagte er uns. Damit liege er auf der richtigen Fährte, pflichtete ihm Stoffel bei: «Knuddeln liegt heuer nun gar nicht drin.» Er habe sich auch schon überlegt, ob er die beiden Hälften des Ehebetts durch eine Plexiglasscheibe in der Mitte trennen solle, erläuterte er uns schalkhaft. «Blödmann,» ereiferte sich Erni. «Du verkennst mit deinen hirnrissigen Spässen den Ernst der Lage,» wies ihn Erni zurecht. «Doch, du solltest den Stoffel in seinem Vorhaben unterstützen,» gab ich Erni zu bedenken, «die Hildi würde es dir danken. Die Scheibe würde das Schnarchen ihres Gatten sicher erheblich dämpfen.» «Hi hi, hast ja so recht,» konnte ich Erni damit ein schwaches Lächeln abringen. «Und denk dir das zu Ende», blühte er auf und erklärte, «wenn der Stoffel sich dann nach dem Weihnachtskind in der Nacht zur Hildi legen will und er sich die Nase an der Scheibe platt drückt. Einfach köstlich diese Vorstellung.»

Stoffel nahm die Neckerei gelassen entgegen und meinte im Brustton der Überzeugung, er wisse jetzt, was er seinem Sohn schenken werde. Ein Werkzeugkasten, das sei genau das Richtige für den Matthias. Das bringe ihn hoffentlich auf andere Gedanken, so dass er seine arme Frau über die Festtage in Ruhe lasse. «Wieso das,» fragte ich etwas erstaunt. «Na ja, wie der Vater so der Sohn», stichelte Erni.

Dem Matthias seine Frau sei eben erst vorgestern aus dem Spital entlassen worden und mit ihrem Neugeborenen im Arm nach Hause gekommen, eröffnete uns Stoffel ganz stolz. «Oh nein, du bist Opa geworden. Wie schön, und das wolltest du uns partout verschweigen. Da freue ich mich aber für dich,» gratulierte Erni. «Wunderbar, dann ist das Christkind bei dir ja bereits vorbeigekommen,» ergänzte ich und beeilte mich, ihm ebenfalls zu gratulieren. Hoffentlich gleiche der Enkel der Mutter und nicht etwa dem Grossvater, sagte Erni. Ob er ein Foto von seinem Enkel habe. «Selbst wenn, dir würde ich das Bild vom kleinen Jonas bestimmt nicht zeigen,» konterte Stoffel.

Trotzdem, so gestand er, Hildi’s und seine Festtagsaussichten seien ziemlich getrübt. Bei aller Liebe, sein Sohn sei ein Trottel. Er sei doch tatsächlich der Ansicht, sie sollten diese Weihnacht nur ganz kurz vorbeischauen, um Geschenke zu tauschen. Länger wollten sie nicht bleiben, da sie uns nicht anstecken möchten – «so ein Schwachsinn! Ich bin entsetzt,» zog Stoffel ernüchtert Bilanz über seine Gemütsverfassung.

„Ich sag’s ja, der ganze Weihnachtsspuk entartet zum Fest des materiellen Funktionalismus, wenn man dem überhaupt so sagen könne,“ erklärte Erni. Egal, existent oder nicht, der Begriff gefalle ihm. Das Weihnachtsfest sei doch schon lange entzaubert worden, warf ich dazwischen. «Wie kommst du darauf,» fragte Erni interessiert. Meinst du, weil es religiös entwertet wurde? Quatsch, weil wir in einer verlogenen Welt leben, wo wir werbetechnisch angehalten und dazu überredet werden, uns gegenseitig mit nichtsnutzigen Geschenken zu bewerfen. «Ja richtig,» so Stoffel. «Dieses Jahr werfen wir einander die Geschenke zu. Aushändigen ist nicht,» Corona lässt grüssen.

«Wollen die Herren auch etwas einkaufen, oder hier bloss rumquatschen und im Wege stehen,» fragte uns ein etwas genervter Angestellter, der mit seinem vollbepackten Hubstapler einen Weg um uns herum suchte. «Sie haben wohl viel zu tun,» fragte ich mitfühlend, «wir lassen sie sofort weiterarbeiten, wenn sie uns sagen können, in welchem Regal die Werkzeugkisten ständen. «Vierte Riehe links,» und schon war er, gefährlich nahe an uns vorbeigewischt, wieder verschwunden. Dem flögen die Weihnachtskugeln wohl auch schon bleiern um die Ohren. «Dem möchte ich an Weihnachten nicht begegnen, » sagte Erni und fuhr fort: «Entweder der ist dann sturz betrunken oder durchläuft in Gedanken mit der Dienstwaffe im Arm gerade seinen ersten Amoklauf.»

«Von wegen Kugeln,» meinte ich, «wie wär es denn meine Herren, sollten wir nicht in Bälde die Ankunft des neuen Enkels mit einer polternden Kegelrunde feiern?» Ich wisse, dass es im Sternen im Keller noch eine richtige, mit Holz verkleidete Kegelbahn gebe. «Nicht diese Plastikdinger, ihr wisst schon,» fragte ich. «Ja gerne,» stiegen die beiden spontan darauf ein. Wir müssten wohl bloss noch etwas zuwarten, gab ich zu bedenken, denn es sei nicht davon auszugehen, dass der Lockdown dies in absehbarer Zukunft wieder zulasse. «Ja das ist richtig», nickte Stoffel, «uns droht wohl zwischenzeitlich elendiglich der Trinkertod.»

«Gestatten Josef, die beiden Skelette kenne ich schon, du aber bist neu,» wandte sich ein schmächtiger Renter an mich. Er hatte sich mir unbemerkt von hinten angenähert. Instinktiv wollte ich ihm die Hand reichen. Er jedoch schien ein geistesgegenwärtiger Zeitgenosse zu sein und bot mir corona-geübt seinen Ellenbogen dar, was mir dann doch zu blöd war, so dass ich mich darauf beschränkte, ihm freundlich zuzunicken.

«Ei ei, der Josef,» wandte sich Erni an den Neuankömmlich. Die beiden schienen sich bestens zu kennen. «Ja, ich weiss schon, wo hast du die Maria gelassen, fragst du mich jetzt dann gleich. Gib dir keine Mühe, den Witz kenne ich schon.» «Jetzt enttäuschst du uns aber,» meinte der Stoffel, «denn eigentlich wollten wir dich zuerst nach dem Esel fragen. Lebt sie noch, deine alte und sture Lydia.» Sei doch schon ein altes Tier. Josef schien etwas überrascht und stand dann gerne Red und Antwort. Man sprach dann kurz noch von Geschenks Ideen, teilte Geläufiges und Bekanntes aus dem Dorf, wünschte sich gegenseitig frohe Festtage, und dann wackelte Josef von dannen und verschwand hinter dem nächsten Regal.

Wir schüttelten uns vor Lachen. «Ist das ein Freund von euch,» wollte ich wissen. «Würden wir so mit ihm umgehen, wenn dies der Fall wäre,» fragte Stoffel zurück. Der Josef sei sein Nachbar, meinte Erni erklärend: «Ist ein Ekel, aber sonst ganz nett. Hat einen Klein Zoo um sein Haus herumstehen. Du weisst schon, Hühner, Hasen, drei Zwerggeissen und eben einen ins Alter gewachsenen Esel. «Sag bloss du kennst den Josef nicht.» Der sei doch Jahre lang Gemeindevorsteher gewesen. Den kenne doch jeder hier im Dorf. Aber nein, schüttelte ich verneinend den Kopf, in solchen Kreisen würde ich in der Regel nicht verkehren. «Ich bin es gewohnt, meine Freude auf der Strasse zu finden,» schloss ich. Stoffel und Erni, grinsten, «gut gebrüllt Löwe.»

«Jungs wir sollten uns heute kurz fassen und vorwärts machen, sonst schliesst der Laden, bevor wir zu unseren Geschenken gefunden haben,» wechselte ich das Thema. Feierabendbier gebe es heute auch nicht, sei ja schon alles dicht. «Wir sollten also schleunigst nach Hause,» sonst sei Weihnachten womöglich schon vorbei, bis wir da anlangten. «Man sieht und hört sich, und grüss mir schön den Jonas von mir», wandte ich mich an Stoffel. «Und du Erni, lass dich vom Funktionalismus nicht zu sehr runterdrücken», er sei doch ein spiritueller Mensch. Da brauche er doch lediglich die richtigen Ressourcen zu aktivieren.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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