Stoffel und Erni unterwegs in extragalaktischen Sphären

Das Universum ist beherrscht von dunkler Energie und Materie. Es gibt sie, aber man kann sie nicht sehen und weiss eigentlich nur, was sie nicht sind. Wenn das keine spannenden Themen für Stoffel und Erni sind.

Eines müsse er noch kurz loswerden, «bevor wir loslassen,» wandte sich Erni an mich. Er sei mir sehr dankbar für die Kaufberatung zum neuen Laptop. Nachdem im Fernsehen mittlerweile seit über acht Monaten nichts Anderes mehr vermittelt werde als Corona und abermals Corona, sei er richtig glücklich darüber, hier nun im Besitz eines Mediums zu sein, auf dem man so viele spannende Dinge entdecken könne.

Er als ehemaliger Geschichtslehrer fühle sich richtiggehend im Paradies, nachdem es ihm in kürzester Zeit gelungen sei, echt viele Quellen für seine Leidenschaft für Geschichte zu finden. Stoffel hustete Corona Alarm, wie er es nannte, wenn er einem Hustenreiz nachgeben musste und sagte keuchend zum Erni: «Och, und ich bin während des Geschichtsunterrichts meist eingenickt oder habe zum Fenster hinaus geträumt». «Keine Angst,» antwortete ihm Erni, «ich werde jetzt nicht mehr versuchen nachzuholen, was du in der Schulzeit verpasst hast.» Das sei eh hoffnungslos bei seinem sich zunehmend verdüsternden Verstand.

Wieder zu mir gewandt erklärte er: «Da gibt es doch eine ganze Menge alternatives Fernsehen im Netz – sehr spannend und informativ». Er fühle sich ganz an früher erinnert, als Fernsehen noch eine Rarität gewesen sei, weil es damals gerade mal 3 oder 4 Sender gegeben hätte, welche erst am Abend ab 17 oder 18 Uhr zu senden anfingen. Und um Mitternacht sei man regelmässig mir der Schweizer Nationalhymne vaterländisch beflügelt zu Bett geschickt worden. Doch darum gehe es ihm im Moment nicht, er habe gestern zwei spannende Dokumentationen auf YouTube angeschaut zum Thema dunkle Materie und dunkle Energie. Davon habe er vorher noch nie gehört. Das sei wirklich aufwühlend für ihn gewesen.

Ob der Erni jetzt närrisch geworden sei, fragte mich Stoffel. Doch ich ignorierte ihn diesmal. Zu gern wollte ich in Erfahrung bringen, was an dunkler Materie für Erni so interessant schien. «Danke, dass du den Stoffel ignorierst, ich dachte schon lange, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Jetzt habe ich die Erklärung dafür gefunden.» Und zu Stoffel gewandt fuhr er fort: «Du armer Kerl, du bist ein nicht nur von dunkler, nein gar von schwarzer Energie getriebener Spötter.» «Ja, ja, du wirst es wissen, Herr Geschichtslehrer,» noch sei er kein Psychiater und darum liessen ihn seine boshaften Diagnosen kalt.

Kalt, das sei das richtige Stichwort, blühte Erni auf: die dunkle Materie sei quasi temperaturlos, da immer auf demselben Temperaturlevel. Und das verrückteste sei, man könne sie nicht sehen, noch riechen, noch hören – «und dennoch kann man sich darauf verlassen, dass es sie gibt». «Ja gut, und was jetzt,» wollte Stoffel wissen. «Ja merkst du es nicht, bei dir ist es doch genau umgekehrt, dich sieht und hört jeder, und dennoch bin ich sicher, dass es dich nicht gibt, zumindest ist es einfach, dich zu ignorieren,» lachte Erni. «Sau blöder Witz,» konstatierte Stoffel ernüchtert. «Erni, könntest du bitte bei der Sache bleiben», warf ich dazwischen: «Mich interessiert das Thema und ich möchte gerne mehr davon erfahren», sonst sähe ich mich gezwungen, sie beide zu ignorieren.

Etwas habe ihn ganz besonders beschäftigt: Dunkle Materie sei nicht nur nicht sichtbar, man wisse, dass nur vier Prozent des Universums – und auch du und ich und natürlich der Stoffel – aus herkömmlicher Materie zusammengesetzt seien, während da draussen 23 Prozent dunkle Materie existiere und nochmal satte 73 Prozent dunkle Energie. Das sei doch irre, stellte Erni fest: «Stellt euch vor, alles was der Newton, der Keppler, der Einstein und der Heisenberg bisher über das Universum und all die vielen Naturgesetzte herausgefunden haben, machen nur gerade vier Prozent unseres Wissens aus.» Das sei doch wirklich irre, gab er nochmals zu bedenken.

Das habe er auch ohne Wissen um die dunkle Energie schon längst gedacht, meinte Stoffel. Jedes Mal, wenn er in die Kirche gegangen sei, hätte ihn so eine dunkle Ahnung beschlichen, dass der Pfarrer da vorne auf der Kanzel nicht wisse, wovon er zu uns sprach. Dazu müsse man nicht YouTube schauen. Und die Bibel sei ja auch nur ein Buch unter Millionen von anderen Büchern. «Hör dir den Schnorrer an,» sagte ich kopfschüttelnd zu Erni. Das könne man doch nicht vergleichen. «Wieso nicht», beharrte Stoffel auf seinem Einwand. Wie man den überhaupt beweisen könne, dass es dieses Dunkle da draussen gebe? Das habe mit der Bahn des Lichtes zu tun und dem Umstand, dass entgegen den Erwartungen, die Millionen von Sterne einer spiralförmig kreisenden Galaxie, je weiter weg sie vom Zentrum seien, langsamer werden müssten. Doch dies sei eben nicht der Fall. Also müsse da draussen etwas massehaltiges sein, das so grosse Galaxien wie die Milchstrasse und den Andromeda Nebel zusammenhalte.

«Ja und was hat es denn mit der dunklen Energie auf sich,» fragte ich den Erni. Das habe ihn etwas verstört, gab er mir vorsichtig zur Antwort. Die dunkle Energie sei zuständig dafür, dass sich das Universum nach allen Seiten hin kontinuierlich ausbreite. Das sei der Hammer, das dünke ihn wie in der Mathematik, wenn man Unendlich mit Unendlich potenzieren möchte. Da sei es mit seiner Vorstellungskraft völlig am Ende und er grusle sich vor dem Gedanken. «Das braucht aber nicht viel», bis dir der Verstand aussetzt, sagte Stoffel, der heute irgendwie schräg drauf war und mich langsam nervte. Also wies ich ihn zurecht: «Nur, weil dich nicht interessiert, wovon Erni sprich, und du es nicht verstehst, ist noch lange nicht gerechtfertigt, dass du mit deinen dummen Bemerkungen dauernd dazwischen fährst.»

Er habe schon längst begriffen, wovon hier die Rede sei, ereiferte sich Stoffel. Das sei durchaus gruselig, zu wissen, dass es etwas gibt, das man nicht sieht und kaum etwas davon weiss. Da wo er herkomme, habe es in seiner Jugend ein Geisterhaus gegeben. Ob es da jemals gespukt habe, wisse er nicht. Es sei aber ein herrschaftliches altes Bauernhaus gewesen, das schon viele Jahrzehnte leer stand und aus Angst nicht abgebrochen worden sei. Er könne sich noch gut daran erinnern, welche starken Gefühle ihn bewegtem, als er es einmal mutig betreten hatte. Dieses Haus, obwohl unbewohnt, schien dennoch irgendwie bewohnt. Er habe deutlich eine Präsenz von Menschen gespürt, die da wohl Generation nach Generation drin gelebt hatten. «Ja wer weiss, spannend», das sei gar kein so schlechter Vergleich, wenn man davon absehe, dass er von Paranormalem spreche, während die Physiker sich bei ihren Forschungen durchaus an ihre wissenschaftstheoretischen Modelle hielten.

Stoffel war froh, dass man ihm seine kindischen Störmanöver nicht länger übelnahm und bat den Erni, ihm doch die Links zu YouTube und anderen spannenden Dingen zu mailen.

Dir und den Physikern muss man zu Gute halten, dass ihr mit Dingen beschäftigt seid, die man wohl nicht so leicht, und auch in naher Zukunft nicht, zu entschlüsseln vermöge, wandte ich diplomatisch ein. Ich sei derzeit mit weniger spannenden Themen beschäftigt. Bei mir drehe sich seit Monaten vieles um die Pandemie, und dass ich mich ungemein über all die sogenannten Sicherheitsmassnahmen ärgern würde. Es sei mir ein Rätsel, weshalb niemand auf dem ganzen Erdenrund sich die Mühe nähme, uns einmal aufrichtig, verantwortungsbewusst und offen über das Virus aufzuklären. Überall werde immer nur behauptet und Angst verbreitet. Keiner versuche auch nur ansatzweise zu beweisen, weshalb all die widerwärtigen Massnahmen zur Bekämpfung des Virus so zwingend notwendig seien. «Da lobe ich mir die Herren Physiker», die sich ehr und redlich darum bemühten, das wofür sie Behauptungen aufstellten, letztlich auch zu beweisen. Die Potenz von Unendlich sei tatsächlich auch für meine Vorstellung verstörend, aber Angst hätte ich keine, weil mein Vertrauen in das Leben und seine Gesetzmässigkeiten gross sei. Die Politik hingegen benehme sich geradezu lächerlich und es sei verwerflich, soviel Distanz und Zwietracht unter die Menschen zu tragen, dass sie einander anfingen auf offener Strasse zu massregeln wegen irgendwelcher unzureichender Masken oder sonst einem nicht regelkonformen Verhalten.

Erni versuchte mich zu beschwichtigen: «Versuch so zu sein wie ein Neutrino. Das sind geisterhafte, aussergalaktische Teilchen, die das Universum nahezu mit Lichtgeschwindigkeit durchqueren.» Ich verstehe nicht ganz», fragte ich. «Ja weisst du, es ist ein Vorteil, zu versuchen so zu sein wie ein Neutrino, ungeladen und praktisch masselos,» erklärte mir Erni. «Mach deinen Geist frei und leicht, dann belasten dich auch die absurden Pandemiegeschichten nicht länger. Zieh dir einen spannenden Film rein oder schau auch du dir Dokus auf YouTube an, und du wirst dich wieder besser fühlen. Man finde im Internet übrigens auch jede Menge Musik. Das würde mir sicher Entspannung gewähren. In solchen Zeiten müsse man aufhören, Fernsehen zu schauen und darauf hoffen, dass wieder bessere Zeiten kämen. «Amen», schloss ich. «Schönes Schlusswort, danke! Jungs ich muss mich jetzt aus der Konferenz ausklinken. Lasst euch aber nicht davon abhalten, noch etwas weiter zu reden. Hat wie immer Spass gemacht,» verabschiedete ich mich von den beiden. Man sehe und höre sich bald wieder.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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