Stoffel und Erni im Impffieber

Endlich mal eine vorausschauende Werbung; aufgenommen 2008.

Diesmal hatten wir uns beim Ärztezentrum verabredet. Stoffel leidet chronisch unter einer Sinusitis, wie er uns am Telefon geklagt hatte. Jetzt habe er sich endlich durchgerungen, dagegen etwas zu unternehmen. Er sei im Ärztezentrum angemeldet und lasse sich da untersuchen. Erni und ich standen schon eine ganze Weile in der Eingangshalle des Zentrums, als Stoffel endlich aus einem der dunklen Gänge heraustrat. Man sah ihm an, dass irgendetwas nicht stimmte.

«Grüss dich Stoffel, alles klar bei dir,» fragte ich ihn kameradschaftlich auf die Schulter klopfend. Bevor ich eine Antwort bekam, eilte eine übereifrige bedienstete Krankenschwester oder Arztgehilfin herbei und ermahnte uns schwer atmend und mit maskiertem Ton, doch bitte Abstand zu halten. Hier im Zentrum gälten strikte Abstandsregeln von wenigstens zwei Metern. Berührungen seien in jedem Fall strikt verboten. «Na sowas, dann kommen Sie uns bitte doch auch nicht zu nahe,» antwortete Erni leicht verärgert, wir drei zählten nämlich zur Gruppe besonders gefährdeter Personen, das müsse sie doch am besten wissen. «Geben Sie mir bitte doch Ihren Namen und die Telefonnummer, damit wir Sie alarmieren können, falls wir krank werden,» schloss er in anbiederndem, aber ernstem Ton.

Stoffel und ich, wir konnten uns nicht länger unter Kontrolle halten und lachten laut heraus. «Das ist definitiv die scharfsinnigste Anmache, die ich je miterleben durfte – cool Erni, du gerissener Schürzenjäger,» kommentierte Stoffel. Sie heisse Monika, begann die junge Frau, als auch sie verstummte und begriff, dass man sie schlicht veräppelt hatte. Dann lachte sie aber ebenso herzlich mit. Abschliessend meinte sie, dass wir jetzt aber gehen müssten und sie uns arglistigen Altherren einen angenehmen Abend wünsche.

«Gratuliere Erni, die Situation hast du meisterlich entschärft, hätte leicht eskalieren können», wandte ich mich tief aufatmend draussen vor der Tür an ihn. Als altgediente Lehrkraft kenne man so einige Tricks, wie man angespannte Situationen schnell und effizient befriede, meinte er verschmitzt lächelnd zu mir gewandt. «Meine Herren, » platzte Stoffel dann ungehalten dazwischen, «man stelle sich vor, einer kommt wegen eines geplatzten Blinddarms zum Arzt, und der weiss nichts Gescheiteres zu tun, als dem armen, von Bauchschmerzen gequälten Kerl einen Vortrag über die Vorzüge einer Corona-Impfung zu halten.» «So ein Skandal», antwortete Erni mit gespieltem Entsetzen: «Nur gut, hattest du keinen geplatzten Blinddarm.» «Erni hat recht, den Arzt hätten wir uns aber sowas von zur Brust genommen,» pflichtete ich bei. «Klar doch ihr Grossmäuler», sagte Stoffel: «Nichts als Schall und Rauch, was ihr da von euch gebt.»

«Halte dich zurück und schone deine Nerven,» lachte Erni. Stoffel müsse nämlich wissen, wandte er sich mit erhobenem Mahnfinger an mich, dass in diesen Zeiten die Leute mit Herzinfarkt liegen gelassen würden, um zu Gunsten der Corona-Kranken die Notfallbetten freizuhalten. Ganz besonders praktiziere man dieses Vorgehen aber bei Leuten mit entzündetem Blinddarm. Da müsse man eben abwägen, welcher Patient den Vorzug bekäme, der Blinddarm-Entzündete oder der COVID-Infizierte. Im zweiten Fall generiere man wesentlich mehr Verdienst, weshalb ein Entscheid leicht und schnell getroffen werden könne. «Uaah,» stöhnte ich halb entsetzt und halb verständnisvoll vor mich hin. Diese Aussage sei echt übel, das Ehrgefühl verbiete einem solch schlechte Witze.

«Da muss ich dem Rick ausnahmsweise mal recht geben,» kam mir Stoffel zu Hilfe. Der Rick sei zwar in dieser Hinsicht ein Weichei, aber das gehe auch für ihn, Stoffel, entschieden zu weit. «Ok, dann ist ja gut, dass uns eben niemand zugehört hat,» versuchte Erni einzulenken. Dann entschloss er sich nach innerlich kurzem Ruck zur Verteidigung: «Stellt euch aber vor, was das bedeutet, wenn die zunehmende Zahl von Leuten in der Zukunft Recht bekommen sollten, die zu wissen glauben, dass Corona längst nicht so gefährlich sei.» Das sei übrigens gar nicht so abwegig, denn namhafte Virologen äusserten sich verschiedentlich schon lange in dieser Richtung und für viele sei dies klar wie Kraftbrühe. «Du und ich, wir sind keine Virologen,» warf Stoffel dazwischen: «Kannst du mir denn sagen, warum davon nicht in der Zeitung geschrieben wird und man auch im Radio und Fernsehen keine Meldungen dieser Art findet?»

Für unsere Zeitungen sei das schnell erklärt, wagte ich einen Versuch. Die forschen nicht in dieser Richtung. In solchen Fällen bedienen sie sich der Meldungen der grossen Nachrichtenagenturen. Dahinter könne man sich notfalls dann auch verstecken, wenn sich unerwartet etwas als falsch erweisen sollte. Wer dem Radio und Fernsehen einen Maulkorb auferlegt habe, das wisse ich hingegen nicht. Die hätten ja auch den Besuch eines Mitglieds der berühmten Kennedy-Familie nicht oder kaum mit zwei Sätzen erwähnt anlässlich der jüngst friedlich stattfindenden Demonstration in Berlin.

«Und daraus schliesst du jetzt in dieser Sache auf eine Verschwörung der Medien,» fragte mich Stoffel. Das sei eine realistische Interpretation, gab ich zur Antwort. «Nun gut,» fuhr Stoffel fort, «was hättest du denn meinem Arzt von eben geantwortet, wenn er dir in allen Tonarten von der bevorstehenden Impfkampagne vorgesungen hätte?» «Ich mag es nicht, wenn Ärzte sich in der Tonart verwählen und falsch zu singen beginnen,» trat Erni gedankenschnell dazwischen; das hätte er gesagt.

«Was hat er dir denn vorgerechnet,» fragte ich den Stoffel. Ihm, so unser von Sinusitis geplagter Stoffel, sei gesagt worden, dass er sich bei seinem schönen Alter glücklich schätzen dürfe, dass nun absehbar schnell ein wirksamer Impfstoff gegen das Virus auf dem Markt verfügbar werde. Das sei doch nichts Besonderes, hatte ich ihm entgegengehalten. Er habe sich doch auch schon in den vergangenen Jahren gegen Grippe impfen lassen. Daraufhin sei der Arzt richtig ernst geworden und habe ihm im saubersten Basston das Lied von der Gefährlichkeit des COVID-19 Virus vorgesungen. Das hätte ihn dann doch etwas gestört und misstrauisch gemacht. «Und was hast du geantwortet,» fragte Erni neugierig. «Nichts,» meinte Stoffel leichthin, er habe dem Arzt nur andächtig zugehört und dann darauf hingewiesen, dass er ihm für seine schönen Ausführungen danke, er, Stoffel, sei aber gekommen, weil er für seine störende Sinusitis beraten und behandelt werden möchte. Der Arzt hätte ihn dann kurz untersucht und ihm einen Spray und eine Feuchtigkeitscreme verschrieben, worauf er wortlos entlassen worden sei.

«Jetzt kannst du aber froh sein, dass der Impfstoff tatsächlich noch nicht verfügbar ist,» bestärkte ich Stoffel. Nach dieser Ansage hätte der dich bestimmt an seinen Untersuchungssessel gefesselt und dir ne Ampulle Eunuchengift eingespritzt, erläuterte ich ihm wortmalerisch. «Ach du Grautier mit vier Buchstaben,» wandte sich Stoffel gedehnt an mich, «du und Erni ihr beide könnt mich mal.» Was er uns angetan habe, dass wir so hart mit ihm zu Gericht gingen. Wenn er bei uns offenkundig fehl am Platze sei, dann gehe er eben nach Hause.

«Ja, zuerst einmal» so Erni, «bist du schuld, dass wir immer noch hier draussen in der Kälte stehen. Zum andern aber sollte man dich für deine Arglosigkeit bestrafen, dass du dich bisher offenbar noch gar nicht um das Thema Impfung gekümmert hast». Dabei griff ich nach Stoffels Arm und hielt ihn zurück, dass es jetzt wirklich Zeit für einen Kaffee mit Biss sei. Das schien dann auch ihn zu überzeugen, und neu geeint schlurften wir los in Richtung «Bären».

«So ihr zwei Klugscheisser, jetzt klärt mich mal auf, was ich offensichtlich noch nicht weiss und was jeder halbwegs gebildete Schweizer wissen sollte,» stellte uns Stoffel zur Rede. Das betreffe auch die Frauen, warf ich schäkernd ein. «Ja klar auch die Frauen, aber jetzt zur Sache bitte schön.» Sache sei, dass es im Sinne der Impfbefürworter eben keine Sache sei, sich impfen zu lassen. Ja genau, das sei doch seine Rede, an den Arzt gewesen, dass er sich bisher noch jeden Winter gegen die Grippe impfen liess. «Keine Sache? Richtig, keine Sache, und was nun?» Es habe doch immer schon Impfungen gegen Grippe gegeben.

«Du weisst schon, dass man in der Regel mehrere Jahre lang an einem Impfmittel forscht, bevor man es auf den Markt bringt und Menschen damit behandelt,» erklärte Erni in Lehrers Manier. Was er sich vorstelle, warum dies im vorliegenden Fall von Corona nicht gemacht werde. Es gebe da höchst brisante merkantile Interessen um diesen Impfstoff. Da gehe es bei den Geldgebern der chemischen Industrie um Milliarden, die sie mit unserer Angst vor Corona verdienen könnten. Da dürfe man nicht zuwarten, und schon gar nicht mehrere Jahre. Vom neuen Impfstoff, der demnächst bereitgestellt werde, kursierten die wildesten Gerüchte. Er wolle sie jetzt aber nicht alle einzeln vor ihm darlegen, denn schliesslich sei es nicht seine Absicht, Stoffels kindlich naives Gemüt unnötig zu beschweren. «Ach du abgehalfterte Plaudertasche, nun leg schon los,» forderte Stoffel belustigt den Erni auf.

Der Impfstoff sei unter der Ägide von Menschen entwickelt worden, die unter anderem der Ansicht seien, dass es zu viele Menschen auf dieser Erde gebe. Darum habe man das Gebräu entsprechend genversetzt, was bei Männern zur starken Reduktion von Spermien führe und bei Frauen eine fruchtbarkeitshemmende Wirkung zeige. Laut dürfe man das aber nicht beim Namen nennen, da es einem sonst ergehe wie dem Daniel in der Löwengrube, nur, dass dabei der rettende Engel des Herrn ausbleiben werde. «Ach du spinntisierst da was vor dich hin,» weigerte sich Stoffel das Gehörte zu glauben. „Ja hast recht, wollte dich etwas triezen,“ antwortete Erni. Aber aus Grossbritanien werde einen Tag nach der Einführung der Impfkampagne berichtet, dass es bereits Tote gebe. Was er denn davon halte? Und verschiedentlich höre man auch im deutschsprachigen Raum Warnungen von Impfexperten, die langfristige Komplikationen, verursacht durch den wenig getesteten Impfstoff, nicht ausschliessen.

Man sagt auch, dass die Hersteller dieser Vakzine nicht liefern würden, wenn ihnen kein Haftungsausschluss für Langzeitschäden gewährt werde. «Glaubst du nun immer noch, dass dies alles Blödsinn ist?» fragte der Erni den Stoffel. Das sei doch der klassische Beweis dafür, dass die Hersteller ihrem Medikament selber nicht trauen. «Das schlägt dem Fass den Boden raus, wenn dies zutrifft», stampfte Stoffel erzürnt mit seinem Stiefel auf den Boden. Schleunigst eilte der Wirt herbei und erkundigte sich freundlich, ob den Herrn was störe, ob der Schnapskaffee nicht passe. «Alles Paletti,» entschuldigte sich Stoffel. Wenn er sich schon herbemüht habe, der Herr Wirt, dann bestelle er gerne noch eine Runde für uns dreie.

Wie ich es denn mit der Impfung halte, wollte Stoffel von mir wissen. Für mich sei schon länger klar, dass ich mich bestimmt nicht impfen lasse. Ich sei zwar nicht generell ein Impfgegner, aber die vorliegende Sache stinke gewaltig. Es habe in der langen Zeit medizinischer Forschung schon zu viele Fälle gegeben, wo Menschen in der Folge von Medikamenten schreckliche Krankheiten erlitten oder an den Nebenwirkungen starben. Zudem hätte auch ich, wie Erni, Meldungen gelesen von Ärzten, die ihre Kolleginnen und Kollegen dazu auffordern, bei dieser Kampagne nicht mitzumachen. Da es sich bei diesen Impfstoffen um DNA- oder RNA-haltige Mittel handle, sei ich besonders misstrauisch. Bekanntlich wirkten solche Stoffe direkt auf unser Erbgut. «Au ja, der Rick als Alien,» das sei eine lustige Vorstellung spasste Erni. «Ich bestimmt nicht mehr, aber denk an all die jungen Menschen, die wegen fehlender Impfeinsichten sich dieses Zeug spritzen lassen.» Und das vielleicht sogar wiederholt, da man auch nicht wisse, für wie lange der Impfstoff wirksam sei, ereiferte ich mich.

So habe er sich das in der Tat noch nie überlegt. Er hätte stets nur Augen für die schönen jungen Fernsehansagerinnen gehabt und dabei nicht auf die Impfbotschaft geachtet. Er werde die Sache neu überdenken müssen. Eventuell könnten wir zwei Dumpfbacken ja dieses Mal überraschenderweise mal richtigliegen.

Nach der dritten Runde und auch deswegen, weil es draussen schon stark ein gedunkelt hatte, machten wir uns auf den Heimweg. Beim Hinausgehen fragte Stoffel den Erni, ob er bemerkt hätte, dass der Nikolaus sich dieses Jahr wohl verirrt haben musste. Er sei ihm in den Nächten um den 6. Dezember nicht einmal begegnet. «Ja, so ist das. Und falls du dich jetzt mit dem blonden Christkind Engel zu trösten hoffst, lass dir gesagt sein, dass auch Weihnachten nicht stattfinden wird.»  Stoffel verabschiedete sich mit den Worten: «Bist halt doch ein Spielverderber». Dieses Jahr werde einem eben nichts geschenkt, rief ich ihm hinterher. Dann ging auch ich meines Wegs.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

2 Kommentare zu „Stoffel und Erni im Impffieber

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