Stoffel und Erni: Jetzt geht aber die Post ab

Nachdem ich Stoffel und Erni vor einer guten Woche zufällig kennengelernt hatte, wurden wir uns damals beim gemeinsamen Bier in Joe’s Bar schnell einig, dass unbedingt ein neues Treffen vereinbart werden müsse. Zu dritt mache ein Jass mehr Spass. Zur abgesprochenen Stunde fand ich mich darum gestern pünktlich in der Bar ein. Und da sassen sie auch schon, die zwei sympathischen Kauze und schlürften bereits an einem Bier und warteten mit den Karten in der Hand, auf meine Ankunft; der Stoffel mit einer Schaumkrone am Schnauz, wie ich belustigt feststellte.

«Kommst du endlich,» maulte Erni mit Schalk in den Augen und erfreut mich zu sehen. «Sag bloss, du hast schon wieder den Bus verpasst,» ergänzte Stoffel zur Begrüssung. «Hab keinen Grund, mich zu entschuldigen, ihr Schwerenöter. Ich bin pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Aber schön auch euch zusehen,» begrüsste ich sie meinerseits. «Gebt es zu, ihr Süchtigen, konntet bloss nicht abwarten, bis es endlich wieder ‹Bierzeit bei Joe’s› heißt. Aber wie ich sehe,» fuhr ich weiter, «habt ihr euch ja bestens eingedeckt und seid vorbereitet.»

Zwischenzeitlich trat der Wirt zum Tisch und fragte nach meinem Wunsch. «Bring dem Prahlhans einen Sirup, sonst findet er nachher nicht mehr allein zurück ins Altersheim – hmm, Schweizer Uhrwerk,» feixte Erni. «Ist schon recht,» lenkte ich gelassen ein. «Mit euch abhängen ist nicht gut für mich. Ihr seid mir zu trinkfest. Als Jasskumpel schätze ich euch hingegen sehr. Keiner verliert öfters wie ihr zwei. Ihr habt doch von Jassen keine Ahnung. Mit euch beiden kann ich bestens mein Sackgeld aufbessern.»

«Hör dir den an», wandte sich Stoffel an den Erni, «das ist ja wirklich ein Blender.» Der Wirt lächelte etwas gequält. Er wartete ungeduldig auf meine Bestellung: «Und was wünscht der Herr?» «Sag mal Joe,» wandte sich Stoffel fragend an den Wirt, «bist sicher ein eingefleischter Biden-Fan. Trägst ja sogar den gleichen Vornamen.» Der Wirt schaute etwas befremdet zu ihm rüber, er verstehe nicht, wovon der Stoffel spreche. «Willst uns also allen Ernstes weiss machen, von nichts eine Ahnung zu haben,» hackte Stoffel nach. Und gespielt entrüstet brauste er auf: «Wo lebst du denn? Jetzt mach aber einen Punkt, Sleepy Joe, willst wirklich behaupten, noch nichts von den amerikanischen Präsidentschaftswahlen gehört zu haben?» fragte er entsetzt.

Er habe zurzeit andere Sorgen, belehrte uns Joe. Da bleibe keine Zeit, sich um Wahlen zu kümmern. Es mache ohnehin kaum einen Unterschied, wen sie da jenseits des Grossen Teichs regieren lassen. Seien doch immer schon besoffene Cowboys, Mafiosi und Hehler gewesen. Alles gewissenlose Gangster, die jede sich anbietende Krise zu ihrem Vorteil nutzen, um Geld zu scheffeln, wo andere Pleite gingen. Er aber kämpfe um seine Existenz. Wenn es jetzt noch einmal zu einem Lockdown komme, dann sei’s das gewesen, und er müsse zusammenpacken. Sei ja wie zu Zeiten der Prohibition. «Das wollen wir aber aktiv bekämpfen», wandte ich mich freundlich lächelnd an ihn: «Bring uns dreien doch bitte jedem ein grosses Helles.» «Hört, hört! Ein Grosses» spöttelte Erni.

Stoffel weilte in seinen Gedanken offensichtlich immer noch bei den amerikanischen Wahlen. Jetzt komme es doch am 20. Januar tatsächlich zu einem Präsidentschaftswechsel, gab er etwas enttäuscht zu bedenken. Er habe in den Nachrichten gehört, dass Trump die Wahlen haushoch verloren und der alte Secondhand Kriegstreiber Biden das Rennen gemacht habe. «Wieso sagst du Secondhand,» erkundigte sich Erni interessiert. «Er spielte doch unter Obama als Vice-Präsident stets nur die zweite Geige,» erläuterte Stoffel – darum Secondhand. Jetzt dürfe er auf eigene Verantwortung ins Kriegshorn blasen. Zudem sei er älter als jeder von uns hier am Tisch. Darauf riet ich dem Erni belustigt: «Schau an Erni, Zeit für dich, auszuwandern. Mit deinen jugendlichen 72 Jahren hast du gute Aussichten, da drüben in vier Jahren der neue grosse Macker zu werden. Dann hast du ausgesorgt.»

«He du aufgeblasenes Uhrwerk, hast du gewusst, dass die Schweizer Post ihre Finger mit im Spiel hatte bei den US-Wahlen, letztens,» wandte sich Stoffel neugierig an mich. «Wie das,» fragte ich etwas ungläubig. Du verwechselst das sicher mit der kürzlich entlarvten Crypto-Affäire.» «Crypto was,» wollte Stoffel wissen. Erni unterstützte mich, er wisse davon. Ein cleverer schwedischer Geschäftsmann habe vor Jahrzehnten in Zug eine Fabrik eröffnet, in der man Chiffriermaschinen baute, die dann an viele Geheimdienste weltweit verkauft worden sei. Der CIA und der BND hätten Interesse an dieser Maschine bekundet und hätten sich angeblich ohne das Wissen der Schweizer Regierung mit Beihilfe des Schweizer Geheimdienstes die Aktienmehrheit des Unternehmens gesichert. Darauf hin, sei es den beiden ausländischen Spionageabwehrorganisationen möglich gewesen, sämtliche Geheimnachrichten weltweit abzufangen und zu dechiffrieren, da ihnen der Code der Maschine bekannt war.

«So ne Sauerei,» wetterte Stoffel drauflos: «Schade dass man diese Maschine nicht schon im Zweiten Weltkrieg zur Verfügung hatte. Vielleicht wäre es ja damals gelungen, den Gang der Geschichte entscheidend zu beeinflussen und uns viele Tote zu ersparen.» Dann sei es ja wenig überraschend, im Hinblick auf den neuen Skandal, zu erfahren, dass der Code der Software, welche bei den Wahlen eingesetzt worden sei, aus dem Eigentum der Schweizer Post stamme und von ihr mitentwickelt worden sei.

«Sag einer an, jetzt geht aber richtig die Post ab,» meinte Erni engagiert. Ja wir Schweizer seien eben ein erfinderisches Völklein, ergänzte er etwas missmutig. Die Entwicklung dieser Software sei ja fast so bedeutungsvoll wie das Wissen um das Rezept für die Herstellung des würzigen Appenzeller Käse. «Ich glaube, du verstehst die wahre Tragweite nicht,» korrigierte ihn Stoffel geduldig: «Das ist so eine zwielichtige Software, mit der man Wahlen manipuliert und den gewinnen lässt, der am meisten bezahlt. Der Trump scheint dies zu wissen, und behauptet, die Wahl sei ein einziger grosser Betrug,» schloss Stoffel. Jetzt wolle er deswegen vor Gericht ziehen und erreichen, dass dem zu vorschnell jubelnden Biden der Sieg aberkannt werde.

«Nicht so vorpreschen,» ermahnte ich Stoffel. Biden sei doch noch überhaupt nicht offiziell gewählt. Es seien dies lediglich die Medien, die es behaupten. Die Medien zählten ja wohl nicht zu den Präsidentenmachern in den USA. «Wer gewählt werde, darüber entscheiden die Wahlmänner in den USA erst Mitte Dezember,» ergänzte ich aufklärend. «Egal,» meinte Erni, entscheidend sei doch, dass die Anwälte Trumps vors Oberste Gericht gehen und behaupten, dass der Betrug beweisbar sei. Vielleicht wissen die ja tatsächlich um den Betrug mit dem Code. Und dann seien die Wahlresultate vom 3. November ungültig. Dann sei es aber auch endgültig flöten mit dem guten Ruf der Schweiz, klagte Stoffel. «Besitzt wohl Bundesanleihen der Nationalbank und bist nur deshalb um ihren guten Ruf besorgt,» witzelte Erni.

Mittlerweile waren wir alle schon beim dritten Bier angelangt. Die Lautstärke in der Bar hatte zugenommen. Entsprechend chaotisch verlief die weitere Unterhaltung, denn mittlerweile hatten sich uns weitere Gäste zugesellt und hörten skeptisch mit. «Was sagt denn der Biden dazu,» wollte Erni wissen. «Ach der ist still und jubelt. Ist glücklich, gewonnen zu haben.» «Wie kann man nur,» sinnierte Erni und meinte dann: «Ist doch ein riesen Stressjob, der Präsident zu sein. Da hätte ich keine ruhige Minute mehr, und mit Jassen laufe dann gar nichts mehr.» «Du musst deine Militärs und deine Soldaten nur möglichst schnell in den Krieg schicken, dann hast du Ruhe im Weissen Haus,» riet ihm Stoffel: «Und kannst deine müden Knochen gemütlich und ungestört auf dem präsidialen Pult ausstrecken oder mit einer netten Sekretärin fleurten.»

«Ach der bringt doch seine klapprigen Knochen gar nicht mehr auf den Tisch,» spottete einer zweideutig und vorlaut vom Nachbartisch herüber und bedeutete seinem Tischnachbarn mit entsprechendem Grimassenspiel, was er von dem Blödsinn hielt, den wir da so engagiert besprachen. Wohlweislich ignorierten wir den ungehobelten Besserwisser. «Ja richtig,» bestätigte ich den Stoffel. «Sogar die Industrie ist dann zufrieden gestellt. Mit nichts verdient man mehr Geld als mit der Herstellung von Kriegsmaterial,» ergänzte ich. Und an der Börse lache man sich ins Fäustchen, proste sich mit schweissigen Händen zu und schliesse Wetten darüber ab, bei welchen Aktien die Kurse im nächsten Jahr besonders stark steigen werden. «Schau einer her,» ertönte es abermals von einem der Nebentische: «Bist wohl ein Börsianer und verstehst das Geschäft.»

«Und ihr zwei behauptet jetzt allen Ernstes, dass die Schweiz daran schuld sei, dass Biden gewählt worden sei,» fragte Erni entrüstet. «Nicht schuld, aber sie hätte es verhindern können,» antwortete ihm Stoffel: «Überleg doch mal, die Schweiz, besser die Post, ist im Besitz einer Software, von der man weiss, dass sie nicht wirklich vertrauensvoll eingesetzt werden kann. In der Schweiz wird sie übrigens ja darum auch nicht verwendet – aber man hat sie mehrfach ins Ausland verkauft. Da ist doch einiges faul im Staate Dänemark,» gab Stoffel zu bedenken. Zumindest hätte man die Käufer über die Mängel aufklären müssen, warf ich dazwischen: «Stattdessen verkaufen wir sie in alle Welt, wo machthungrige Generäle und korrupte Regierungen nach einer geeigneten Versicherung suchen, die es ihnen ermöglicht, bei der nächsten demokratisch durchgeführten Wahl wiedergewählt zu werden.»

«Tschau Sepp,» platzte Stoffel plötzlich dazwischen, und legte siegreich sein letztes Blatt auf den Jassteppich. «Hast heute aber auch gar kein Glück,» wandte er sich siegesfreudig an mich. «Kauf dir besser diese Software», vielleicht gewinnst du dann wieder. Das heisse dann wohl, dass beim nächsten Mal, wo wir uns treffen würden, der Trump wieder steche. Ernie und ich, die Verlierer dieser Jassrunde, beeilten uns, die Zeche zu bezahlen. Dann verliessen wir gemächlich die Bar.

«Was sind denn das für drei komische Käuze,» hörte ich eine Stimme am Nebentisch fragen. «Ach das sind bloss drei alte Spinner, die hier ihre Zeit totschlagen und vermutlich immer noch meinen, dass man mit der Gotthardpost ins Tessin reist,» spottete ein anderer. «Tüh tah doh, Postauto,» schrie uns ein Dritter spöttisch nach. Beim Pflegeheim warte man sicher schon ganz ungeduldig mit dem gelben Wägelchen auf unser Eintreffen. «Ab in die Klapsmühle, da gehört ihr hin!» Im Türrahmen drehte sich Erni kurz um und meinte gelassen: «Zieh die Maske über, Kumpel, sonst hauch ich dich an». In der Bar ertönte von allen Seiten her ein grosses Gelächter.

Trotz allem. Wir waren uns einig darin, dass unser nächstes Treffen in eine andere Lokalität verlegt werden müsse. Und jeder ging seines Wegs.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

2 Kommentare zu „Stoffel und Erni: Jetzt geht aber die Post ab

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