Sinn mogelt sich durchs dürre Sprachgewand

Symmetrie ist eine Frage der Perspektive. Die Natur selbst ist es nie und birgt es trotzdem in sich. Genau gleich verhält es sich mit dem Lernen. Die Dinge geschehen, wie sie sich ereignen und du machst daraus, was du als sinnvoll erachtest.

Da bäumt sich mir noch immer dieser wunderschöne und mächtige Nussbaum in die Erinnerung, der mich meine gesamte Jugendzeit hindurch und auch heute noch begleitet. Er stand vor meinem Zimmerfester im angrenzenden Wiesland. Und jedes Jahr, wenn der Baum den bitter-süsslichen Geschmack seiner herangereiften Nüsse in der Nachtluft verbreitete, dann standen mir herrliche Tage bevor.

Ich liebte den Duft der am Boden liegenden fauligen Nussschalen. Insbesondere das dumpfe Aufprallen der herangereiften Früchte wirkte wie elektrisierend aufmunternd auf mich, ein dringlicher Aufruf zur Ernte. Wir Kinder vom Quartier zogen dann aus, um zusammen genüsslich die runtergefallenen Nüsse einzusammeln. Es gab auf Erden nichts Köstlicheres, als den leicht bitteren Geschmack des noch feuchten Kerns einer frisch geknackten und sorgsam enthäuteten Nuss. Nach solch einem ertragreichen Ernte Tag gewann der Schlaf wie Nebel über meine Gedanken die Oberhand und schwer schlugen die kernigen Früchte noch einmal auf und platzten in meine Träume.

Ich kenne heute keine vergleichbaren Erlebnisse, die ähnlich ertragreich, nachhaltig und beinahe übersinnlich die vollständige Kontrolle über die eigene Person und das Erleben übernehmen und sogar bis in den Traum hinein nachhallen. Was ist es nur, das uns im Erwachsenenalter so leidig abstumpfen lässt? Man lebt in der bedrückenden Zeit einer Pandemie, muss wohl oder übel staatlich verordnete Einschränkungen in Kauf nehmen und tut es aus einer zwingenden Logik heraus, an der Verbreitung des Virus nicht aktiv mitzuwirken. Ich sage mir tröstend, ein Virus ist eben keine Nuss. Oder salopper: Lerne zu leben, so dass du dich oder andere nicht ansteckst. Ob es indessen sinnvoll ist, nicht anzustecken, noch sich anstecken zu lassen, ist fraglich – ich spreche jetzt natürlich nicht vom Coronavirus.

Auch früher war nicht alles eitel Sonnenschein, aber alles gründete irgendwie tiefer und drang spielerisch in die offene Seele. Eine Erinnerung trägt mich beispielsweise zurück auf meine Schaukel vor dem Haus. Ich weiss nicht, ob meine Kindheit irgendwie besonders war, aber sie war gezeichnet von vielen kleinen Nöten, ungereimten Erfahrungen und verzweifelten Momenten, in denen ich tagsüber jedes Mal, wie angelernt, meinen schmerzenden Kopf himmelwärts hob und mein Leiden an die kahle Himmelswand hinauf schrie. Nicht, dass ich als Kind wirklich so dachte, nein, aber das dabei empfundene Gefühl entspricht ziemlich genau dem aus meiner Erinnerung.

Da gibt es aber auch die sonnigen Tage und eine an Ewigkeiten grenzende Spanne von Leben, wo ich auf der Schaukel sass und nach hinten gelehnt, wiederum mit zurückgeworfenem Kopf, himmelan und -ab fiel – irgendwie glücklich: über mir ein stahlblauer Himmel, die frühnachmittäglich heisse Sonne im Gesicht, deren Strahlen ich wie aus Sirupbechern trank; ein Flugzeug, das in grosser Höhe silbern-schillernd, wie verlangsamt den Himmel sanft durchpflügte.

Und dann folgten sie unweigerlich, die drei ehernen Klänge der Kirchturmglocke, die wie gelangweilt und nicht wissend wohin, durch den offenen Raum schlugen. Es war drei Uhr nachmittags und die Zeit stand still. Und abends erschienen die Schwalben und jagten künstlerisch behände in der bedrohlich gewittergeschwängerten Atmosphäre nach den tiefer fliegenden Mücken, als sässe auch ihnen die Zeit im Nacken.

Worauf ich an solchen Nachmittagen wartete, kann ich nicht sagen. Ich weiss nur, dass sie sich irgendwie endlos im riesigen Blätterkranz des Nussbaums ausdehnten. Doch manchmal geschah es, dass ein Ereignis gleichsam als Pause befreiend in mein Warten trat und ich von der Schaukel sprang, um mich in der Wiese nach Heuschrecken umzusehen. Oder ich hantierte verbotenerweise am Gartenschlauch und spielte mit dem spritzenden und sprudelnden Wasser, welches mir silbern zuzwinkerte und sagte, vielleicht ist es dieses Läuten der Glocken vom Dorf, das du nicht mehr hören möchtest. Vergiss deren Klang und gönn dir einen süssen Apfel, den dir die Mutter in der Küche auf dem Tisch bereitgestellt hat.

Ich weiss, es steckt viel Wehmut und Melancholie in solchen Gedanken. Doch dies ist nur möglich, weil die Geschehnisse, angereichert von verschiedensten jugendlichen Taten und Untaten sich in der Seele einnisteten und noch heute, gemeinsam verstrickt, warm eingekugelt als eine schlafende Katze in ihrem Unterschlupf auf das nächste Erwachen warten.

A propos Taten und Untaten: Als Kind verfügt man noch nicht über die für Willensvollstreckungen so zwingend notwendigen planerischen Möglichkeiten des Denkens. Darum treten meine Erinnerungen an einen Jugendfreund trotz seiner grossen Einflussnahme und seiner Vorbildfunktion für mich äusserst lückenhaft auf. Sie existieren in der Vereinzelung, oft ohne inneren oder äusseren zeitlichen Faden und ohne greifbare Abfolge-Logik. Doch manchmal reicht ein Geräusch, das der dumpf auf dem Boden aufprallenden Nüsse, oder ein ganz bestimmter Duft, der bitter-süssliche Geschmack der reifen Nüsse, und schon ist die Erinnerung wie auf Dirigentengeheiss quasi orchestriert, einsatzbereit und schwappt über die Klippen als Gischt der Vergangenheit her in die Gegenwart.

Ich sehe es noch deutlich vor mir und verspüre die Scham, als geschähe es eben jetzt, dass ich wegen der Einflussnahme meines Freundes an einem ersten August, dem Schweizer Nationalfeiertag, zum jugendlichen Brandstifter wurde und fast ein Haus in unserem Wohnquartier im wahrsten Sinn des Wortes abgefackelt hätte. Dies wäre auch unweigerlich geschehen, wenn da nicht die Feuerwehr in weiser Voraussicht mustergültig in Bereitschaft gestanden hätte.

Ich rieche noch heute ganz deutlich das Heizpetrol und das Knistern und Knattern der lichterloh brennenden Holzfackeln. Und es ist, als begegnete mir mein Freund mit einem höhnisch derben Lachen. Er hatte es wieder einmal geschafft, einen Dummen zu finden, den er reinlegen konnte. Aber ich hatte daraus gelernt, die Gemeinde hatte gelernt und mein hämischer Freund hatte erstaunlicherweise seine helle Freude, bei all dem aber nicht die geringsten Gewissensbisse und also nichts gelernt.

Ich hatte am Nachmittag mit bengalischem Feuer gespielt, als mein Freund Kater Carlo (so nannte er sich) zu mir kam und seinem Panzerknacker, das war ich, zu verstehen gab, dass es da in nächster Nähe unserer Spielwiese etwas Spannendes und nicht Alltägliches zu sehen gab, das unbedingt erkundet werden wollte. Also liess ich mich von ihm zum Fackelhaufen am Nachbarhaus lotsen. Es war ein heisser Sommernachmittag (ach wär ich doch bloss auf der Schaukel sitzen geblieben) und die Luft wog schwer und war geschwängert vom Petrolgeruch.

Naiv wie ich war, begann ich nun gleich neben dem Fackelhaufen wieder mit meinem Sternchen versprühenden bengalischen Feuer zu spielen, ohne zu sehen, welche Gefahr ich damit heraufbeschwor. Carlo folgte den kreisenden Bewegungen meines Arms mit gierigen Augen. Ich verkannte die Natur dieses Interesses und freute mich, dass ich etwas konnte, das Carlo nicht durfte. Seine Eltern hätten ihm nämlich nie erlaubt, Geld für Bengalische Hölzchen auszugeben. Ein Funke, so wusste er, schliesslich war er zwei Jahre älter als ich, genügte und der Haufen neben mir würde lichterloh zu brennen anfangen. Gedacht, gesehen, geschehen!

Carlo, der am Brandort stehen geblieben war und dem Feuer interessiert zusah, wurde von der Feuerwehr beiseite gezogen und anschliessend von der anrückenden Polizei verhört. Ich kann nur ahnen, was dann geschehen ist. Er wird wohl wahrheitsgetreu geschildert haben, dass der Brand durch meine Sternchen versprühenden Hölzchen entfacht worden war. Und vermutlich hatte er altklug noch hinzugefügt, dass er jetzt verstehe, warum seine Eltern es ihm verboten hatten, mit Bengalischem Feuer zu spielen. Ob diese Brandstiftung noch grössere Konsequenzen für mich hatte als die schallenden Ohrfeigen, die ich mir von meinem Vater am Abend einfing und einige eindringliche Belehrungen seitens der Polizei, der Feuerwehr und meiner Mutter, weiss ich nicht mehr – alles Nachfolgende verblasste irgendwie ob dem hellen Nachschein des brennenden Fackelhaufens.

Die Gemeinde deponierte seit jenem Sommer auf Grund dieses Vorfalls ihre petroleumgetränkten Filzfackeln für den abendlichen, sternförmigen Umzug hinein ins Dorfzentrum nicht mehr wahllos an Häuserwänden. Man sieht, es ist eine kurze Geschichte über das Lernen und die Bereitschaft, aus den Erfahrungen und Erlebnissen, sich neu zu formieren. Man darf dabei nur nicht den Fehler machen, dass Lernen gleichsam unorganisiert stattfinde. Kater Carlo zum Beispiel hatte gelernt, dass es gut ist, auch weiterhin Dumme zu finden, und dass er dabei Spass erlebe.

Sinn, er streicht wenig wählerisch entlang den morschen Lattenzäunen und mogelt sich durchs dürre Sprachgewand. Ich, das Veränderbare, ein Schattenspiel am brüchigen Rand der Sprache, kann länger dann nicht mehr schweigen. Gierig lange ich hin und vergreife mich an dem schillernden Tand, als wäre ich selbst eine mürrische Elster. Doch dann, wie sonderbar, war‘s dennoch nichts wie Traum, der voller Geigen im Mund, draussen auf der Wiese mit uns spielte, während sein Haar sich am Abendrot entzündete und der Flug der Schwalben sich hinter der Nussbaumkrone im roten Flammenmeer des Horizonts auflöste.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

2 Kommentare zu „Sinn mogelt sich durchs dürre Sprachgewand

  1. Sehr schön! Vielleicht würden die Menschen friedlicher zusammen leben, wenn sie sich mehr über ihre Kindheitserinnerungen austauschen würden; jeder hat da natürlich seine ganz eigenen, aber irgendwie gleichen sie einander ja auch sehr.

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