Von Geistern, Besessenheit und Erlösung

Jeder Geist ist besessen vom Gedanken, erlöst zu werden. Blauäugig und naiv oder bloss irregeleitet? Du heisst Aladin und wisse: ich Geist und du Dummkopf.

Man spricht pathetisch von den grossen Geistern der Menschheit und meint damit lebende und verstorbene Menschen, deren diesbezügliche Begabung die Entwicklung unserer Spezies massgeblich vorangetrieben haben. Was mich im Moment vorzugsweise beschäftigt, ist die Rede von Geistern im Sinne von Gespenstern – und damit meine ich selbstverständlich ganz und gar nicht die Rede vom Heiligen Geist, denn keiner spräche in diesem Zusammenhang von ihm. Und es liegt mir fern, hier als blasphemisch zu erscheinen. Die Sprache birgt es manchmal in sich, solch unangenehme und gespenstische Kurzschlussmeinungen zu stiften.

Ein heikles Thema, denn Geister (Gespenster) findet man überall in grosser Zahl. Wer weiss schon, in was allem sie ihre Gichtfinger und langen Tropfnasen drin haben, bei dem, was uns täglich so umtreibt. Aber bloss keine übertriebene Furcht, sagt man mir, denn die meisten von ihnen seien harmlos und friedlich. Das sagt man von demonstrierenden und politisch aufbegehrenden Menschen auch, nennt sie gleichzeitig aber auch Verschwörer, Radikale und Terroristen. Blauäugigkeit mag zwar einem gewissen Schönheitsideal entsprechen, Naivität aber bestimmt nicht. Eine gewisse Sorge im Hinblick auf Geister ist also zulässig und angebracht.

Davon wüssten Indianer eine Unmenge an Lagergeschichten zu erzählen. Sie wissen nämlich, dass sie alle, die weissen Abenteurer, Händler, Siedler, Eisenbahnarbeiter in jenen Tagen des wilden Westens in ausschließlich friedlicher Absicht gekommen waren, wie sie selbst beteuert hatten. Trotzdem endete das Renkontre zwischen Weissen und Indianern mit einem Genozid. Wenn es eine Art spiritueller Gerechtigkeit gäbe, dann müsste man durchaus Furcht zeigen, denn dabei wurden wohl nicht nur gute Geister befreit.

Das erste Mal, wie ich mich zurückerinnern kann, wurde ich im Alter von sechs Jahren mit Gespenstern, Hexen und Geistern konfrontiert. Mein um ein Jahr älterer Spielkamerad machte mich anlässlich einer passenden Situation unmissverständlich deutlich darauf aufmerksam, dass man nicht ungestraft über solch missratene Brut sprechen durfte. «Hör sofort auf über Hexen zu reden, sonst kommen sie», wies er mich entsetzt zurecht. Das hinterließ bei mir Spuren, überlegte ich doch verängstigt hin und her und erwog in der Folge sogar, ganz mit dem Sprechen zu brechen. Nur so schien mir, konnte man Schlimmeres und Schlimmstes noch vermeiden.

Als ich zehn Jahre alt war, lagen Begriffe wie Israel, Ägypten, Jordanien, Syrien und Krieg in aller Munde. Und ich, ein etwas zu groß gewachsener schüchterner Primarschüler, wagte es immer noch nicht, mich auf dem Schulhof vom fünf Meter hohen Klettergerüst in den Sand runter fallen zu lassen. Alles was ich damals, verängstigt wie ich war, verstand und folgerte, war die Tatsache, dass man von Krieg sprach, von Schiessen, Flugzeugen, Bomben und Toten; man sprach von Krieg also war Krieg. Würden sie doch alle besser darüber schweigen und dieser Krieg wäre augenblicklich Vergangenheit. Mein Wunsch ging in Erfüllung. Der Krieg war nach etwas mehr als sechs Tagen bereits wieder vorbei und ich glücklich. So glücklich, dass ich es mir endlich zutraute und mich laut anfeuerte: «jetzt spring endlich, lass los!». Und tatsächlich, unmittelbar auf den Ausschrei folgend konnte ich mit meinen Spielkameraden endlich mithalten. Ich hatte mich fallen lassen.

Diese und weitere jugendliche Erlebnisse von derselben schicksalshaften Machart führten dazu, dass ich lernte, mit der Sprache umsichtig und entsprechend bedacht umzugehen. Ich begann die eher leisen Töne, Schattierungen und Färbungen an ihr zu lieben. Ich zog jeder noch so fetten Schlagzeile ein Gedicht oder einen Aphorismus vor. Und insbesondere heute, da diese Pandemie nun schon penetrant seit mehr sechs Monaten so plakativ und marktschreierisch von allen Rednerpulten herunter verbreitet wird, übe ich mich zunehmend in Zurückhaltung und drücke schleunigst auf den Aus Knopf, sobald jemand zu einer neuen Hygiene- und Abstandspredigt anhebt. Ihr versteht jetzt aber auch, warum ich so handle. Richtig. Mein Spielkamerad hatte mir das damals eingetrichtert.

Jede verlorene Seele ist uns Menschen ein Anlass zu persönlicher Trauer. Vermutlich lernte unser Geist sogar am Gängelband eines Gespenstes über die Endlichkeit des Lebens nachzudenken. Denn zu viel Angst schließt uns vom Leben aus. Und wäre ich ein Flaschengeist, dann wäre wohl nachvollziehbar, dass ich um jeden Preis für meine Befreiung kämpfen würde. Auch Lügen kämen mir auf diesem Weg gelegen. Ich suchte nach einem menschlichen Wirrkopf, dem ich drei Wünsche verspräche, wenn er mich bloß formelhaft auffordern würde, aus der Flasche zu fahren: ja ja, ich Geist du Dummkopf. Ich liege wohl nicht falsch in meiner Überzeugung, dass es versteckt in allerlei dunklen Nischen noch tausende von Aladins gibt.

Ich verstehe nachgerade auch, warum es bei der gegenwärtigen Lage zur Pandemie nicht hilft, die Schweigestrategie zu verfolgen. Jeder Geist ist besessen vom Gedanken, erlöst zu werden.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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