Automatismen angesichts eines Ford Mustangs

Der Weltuntergang geniesst einen schrecklich schlechten Ruf. Vielleicht ist das der Grund, warum wir bei so vielem, was wir sehen, das uns nicht spontan gefällt, gleich von schlechtem Einfluss, üblen Machenschaften, gefährlichen Leidenschaften, Krankheit zum Tode oder Untergang und Verderbnis sprechen. Wenn die Welt tatsächlich dem Untergang geweiht sein sollte, dann gebe ich den jungen Menschen von «friday for future» recht, liegt das einzig und allein an uns Menschen, die wir alle immer nur den Fokus auf das Nächstliegende richten und der Blick für das Ganze dabei verloren und uns gänzlich am Hintern vorbeigeht.

Der Gedanke an den Weltuntergang hat so was Umfassendes und für unser Menschsein Absolutes an sich, dass wir es gar nicht mögen, wenn uns jemand, aus welchem Grund auch immer, daran erinnert. Wir gehen dann automatisch in eine Abwehrhaltung und begegnen den Urhebern solcher Erinnerungen durchwegs feindlich. Unsere Wohlfühlzone ist der Alltag und sind die Dinge, die wir unter unserer Kontrolle glauben und wofür wir über hinreichende Handlungs- und Entscheidungsmechanismen gerüstet sind.

Für den Weltuntergang hingegen sind wir weder psychisch noch praktisch mit derartigen Automatismen gewappnet. Eigentlich sind wir darauf überhaupt nicht vorbereitet, obwohl wir viele Szenarien kennen, die solches Potenzial in sich bergen: einschlagende Monstermeteoriten, Sonnenstürme und was zum Teufel sonst noch alles. In unserem Wesen sind wir Spielernaturen und hoffen, mag die Wahrscheinlichkeit dazu noch so verschwindend klein ausfallen, stets auf den Haupttreffer. Und dazu zählt ein Weltuntergang ganz sicher nicht.

Ich beispielsweise stehe an sich nicht auf Autos, solange es sich dabei nicht um einen «Ford Mustang» handelt. Woher diese Leidenschaft rührt? Vermutlich daher, dass mir meine Eltern in meiner frühen Jugend ein Modellauto dieser Marke zum Geburtstag schenkten und mir damit dieses Virus einimpften. Ich weiss natürlich, dass Autos CO2 ausstoßen und dies zu einem kleinen Anteil für die zunehmende Klimaerwärmung verantwortlich ist. Hier nun beginnen meine Automatismen zu spielen. Ich denke: mein Mustang verbraucht durchschnittlich 12,5 Liter Benzin, was im Vergleich zu moderneren Autos zwar viel ist. Aber angesichts der vielen Millionen anderer Wagen, die tagtäglich unterwegs sind, fällt mein Mustang dabei doch gar nicht mehr ins Gewicht!?

Und was ist mit dem regen Flugverkehr, der provoziert wird durch weltweite Gütertransporte, Geschäfts-, Urlaub- und Vergnügungsreisen? Corona mag dieses Vielfliegen zwar für den Moment ausgebremst haben, aber das wird sich wieder einpendeln. Wichtiger ist: Die Fliegerei verursacht doch sicher viel mehr CO2-Ausstoss als Autos. Und was ist mit den Ozeanriesen von Frachtschiffen, die zu Hunderttausenden in den Meeren unterwegs sind, von Billig Öl angetrieben werden, Fische ihre Orientierung verlieren lassen und dann und wann mit Riffen oder anderen Hindernissen kollidieren und ihre kostbare, aber umweltverträglichen Güter, manchmal ist es zwar Öl, im Meer entsorgen? ­­­­ Aber bleiben wir beim CO2.

Die Landwirtschaft, aber ja! Man vergisst immer wieder, dass gerade sie im Hinblick auf die kostspielige Fleischerzeugung erhebliche Spuren auf unserem saldierten Negativklimakonto hinterlässt. Geschweige denn von den Bruttotonnen von Dünger, die jährlich unseren ausgemergelten Böden zugeführt werden. Stickstoffdünger verwandelt sich in Lachgas – unverschämter Name im Hinblick auf seine schädigende Wirkung angesichts des Klimawandels. Und vergessen wir nicht das Methan. Bei dieser Bilanz verliert mein Mustang längst das böse Muscle-Car-Image und kann bezüglich der Gesamtbilanz nicht mehr mithalten.

Wie ein vom Frachterdröhnen verschreckter Wal zucke ich zusammen und übe mich unfreiwillig im Rückenschwimmen, als über mir einer dieser ins Alter gekommenen Tiger der Schweizer Armee den nachmittäglichen Himmel durchschneidet. Au Mann, die Dinger vollführen vielleicht einen ohrenbetäubenden Lärm. Und wozu sind sie gut? Zum Bombenabwurf, zum Luftkampf und generell zur Zerstörung! Und damit verdienen einige Menschen, wirklich Menschen, echt gutes Geld. Saumässig viel Geld! Vor allem aber tragen diese Kampfjäger maximal zur Beschleunigung des Klimawandels bei.

Am Boden spielt man indessen mit Panzern zu Übungszwecken, Krieg und Lastwagen sind mit schwerem Gerät im Kolonnenverkehr unterwegs. Warum kriegt das Militär keine CO2-Steuer vom Parlament aufgebrummt? Dies würde wesentlich mehr Steuereinkommen generieren als dies der Autoverkehr je vermag.

Hätte ich mich jetzt in meiner Verteidigung nicht ausschliesslich auf die durch Mobilität verursachten Klimaschädlinge eingeschossen, dann müsste ich unbedingt noch von der Bauindustrie schreiben. Mal abgesehen davon, dass aus Renditegründen und geldschwacher Bauherrschaft mehrheitlich eh nur noch hässliche Bauten und Billighäuser erstellt werden, ist es doch so, dass gerade dieser Industriezweig ganz massiv zur negativen Klimabilanz beiträgt. Aber ok, ich schweig ja gleich wieder, passt jetzt nicht ganz in meine Aufzählung.

Was mir aber nachgerade ins Auge sticht und mich an den Eingang dieses Blogs zurückführt, ist der Umstand, dass mich mein eingespielter Automatismus zur Rechtfertigung meiner Mustang Leidenschaft unfreiwillig step by step die Augen für das Ganze geöffnet hat. Da sich dieser Automatismus zu meinem Leidwesen nun selber entlarvt hat und nicht mehr zieht, versuche ich es mit einer anderen Strategie, ich weiche aus, lenke ab.

Einverstanden, der Weltuntergang ist schrecklich, doch gibt es zurzeit ein Phänomen, das mich zutiefst in seinen Bann zieht: es sind dies die vielen zum Teil abenteuerlich maskierten Gesichter, denen ich tagtäglich auf der Straße begegne und die mich unweigerlich an Kostümierung, Betrunkenheit und ausgelassene Narrenzeit erinnern. Doch Covid hat die Fasnacht bei uns gut um einen Monat verpasst. Pandemien scheinen ein schrecklich schlechtes Timing zu haben.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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