Als Regenbogen in einem Traumfänger gelandet

Ob listiges Äffchen, welches beim Einschlafen die Wange wärmt, oder die hübsche, blauäugige Helena, sie beide verhelfen unseren Kindern zu einem ruhigen gesunden Schlaf. Dasselbe versprachen sich die Indianer, wenn sie den Dreamcatcher (=Traumfänger, in der Mitte des Bildes) über ihr Felllager hängten. Schlechte Träume sollen sich darin verfangen, die guten dürfen durchgleiten.

Wäre ich ein Arzt, dann würde ich mich während dieser verrückten Tage nach ganz neuen Heilmitteln und –Verfahren umsehen. Ich kann beispielsweise jeden gut verstehen, der zurzeit zum Schlafwandeln neigt. Grenzübertritte sind nicht immer einfach und könnten angesichts einer zweiten Corona-Welle in einer ungewollten Quarantäne enden. Als Schlafwandler hat man es da einfacher, weiss man doch, selbst Zöllnern dürfte das beigebracht worden sein, dass man sie nicht wecken sollte. Taugt somit als simples Mittel, unerwünschte Gesetze listig zu umgehen. Als Arzt sollte man sowas zwar nicht befürworten, aber egal, manchmal geht die Gesundheit vor.

Vielen Krankheiten rund um einen gesunden Schlaf könnte womöglich etwas alternative Medizin heilen. Indianer beispielsweise zierten ihren Tipi Eingang oder ihre Fellbettstatt mit einem Traumfänger. Diese oft reich verzierten, geschickt und individuell hergerichteten Kultobjekte zeichnet die besondere Eigenschaft aus, dass sie schlechte Träume, vermutlich auch Wachträume, einfangen und nur die guten Traumvibes durchlassen. Wirklich vielversprechend! Ein durchaus empfehlenswertes Instrument, wenn es darum geht uns alle, die wir unter Alpträumen und oft auch Angstzuständen leiden, wieder zu kurieren.

Der Industrielle beispielsweise, dessen Augäpfel zuerst geblendet sind von unverschämten Dollargewinnen und deshalb dann die Herstellung seiner Kleiderproduktion nach Asien auslagert. Das bietet unglaubliche Vorteile. Es gibt im Osten kaum die Sparkreativität hemmende Staatsgesetze, das Personal dort ist fleissiger, jünger und vor allem bescheidener, was die Lohnerwartungen betrifft. Doch nichts ohne persönliche Opfer! Schon bald sieht unser cleverer Geschäftsmann zunehmend übermüdet aus und wird ein von Schüttelfrost geplagter Benzodiazepine-Süchtiger. Kostspielige Therapien, medizinischer und psychologischer Art, folgen. Dabei hätte dem Manne doch viel einfacher und kostenbewusster mittels eines Traumfängers geholfen werden können. Schade, schade, der Mann ist jetzt ein Wrack, von Frau und Kindern verlassen, dem Billigschnaps verfallen und von einer Leibrente abhängig.

Und überlegt mal, wie es all den karrieregeilen abgebrühten Bankern ergeht, die schon lange keinen Schlaf mehr finden. Zuerst, weil sie zu viel und zu lange gearbeitet und so an ihrer Gesundheit Raubbau getrieben haben. Später greifen sie zu Koks, um weiterhin leistungsfähig zu bleiben, die ganzkörperliche Übelkeit zu vergessen und die Verzweiflung über den allmählich sich abzeichnenden Bankrott zu vertreiben. Für einige Zeit hilft ihnen vielleicht noch das Doop, um dem miesen Sexgeschäft zu frönen, das man eigens für VIPs weltweit im Angebot führt. Aber hei, solche erpresserischen Institutionen kennen zuweilen keine moralischen Grenzen, was das Angebot der Praktiken anbelangt. Aber zu spät, es nützt jetzt alles nichts mehr und der arme, von falschen Vorstellungen und Träumen getriebene Mann gibt sich den Gnadenstoss. Es gibt ein Prominentenbegräbnis, der Priester, der den Verstorbenen kürzlich noch bei seinem eigenen Besuch in einer der unmoralischen Institutionen kennengelernt hatte, zieht alle Register seiner vergoldeten Glaubensorgel. Etwas abseits steht indessen unser Arzt, kopfschüttelnd, mit einem Traumfänger in der Hand.

Und was ist mit all den bedauernswerten Politikern, in ihren mausgrauen Massanzügen. Täglich sind sie von lauter mundgerüchigen Einflüsterern umgeben, die sie irreleiten, zu profitablen Waffengeschäften anstacheln, so dass sie bald nicht mehr ein und aus wissen. Am Anfang reisen sie noch weltweit von einem wichtigen Kongress zum nächsten zwingenden Kriesengipfel. Und warum, weil sie sich da für einige Stunden ungestört und sicher fühlen. Sie sind unter ihresgleichen. Viel Zeit und Musse, sich gegenseitig das schlechte Gewissen einzugestehen, die vielen Ängste und die schrecklich schlechten Träume in langen Gruppentherapie-Sitzungen sich gegenseitig zu kurieren. Aber Schluss damit, ich muss das nicht weiter ausführen – ich sage nur eins noch: «Traumfänger».

Den Traumfänger hätten wir, jetzt fehlt uns also nur noch ein die Welt überspannender, alles verändernder Traum, dem wir uns kindlich glücklich hingeben dürfen. Und siehe, schon befällt uns so eine mächtige Zukunftsvision mit Schlaraffia Qualitäten.

Thor zerschlägt mit mächtigem Donnerschlag das neblige Gedünst, das sich viel zu lange schon in unseren Feldern, Hügeln und Wäldern wie ein Krebsgeschwür eingenistet hat. Die Himmel tun sich auf und aus dem Horizont steigt prunkfarben und majestätisch ein Regenbogen und wirft sich in kühnem Schwung hinauf zu Walhalla. Und siehe, da schreiten auch schon unsere hehren Helden und Heldinnen, der einäugige Wotan voran, umflattert von seinen zwei Rat gebenden Raben und gestützt auf seinen eichenen Wanderstock. An seiner Flanke winkt Hera, die Göttermutter, hinunter zu den getäuschten Riesen und den ihr zujubelnden Untertanen. Und wen sehe ich noch? Ach ja, die schöne, immer junge Freya, welche eigentlich an der Seite der Riesen stehen müsste, wurde sie ihnen doch als Hauptgewinn für den schnellen Aufbau der herrlichen Burg Walheim versprochen. Thor wusste das auf seine verschlagene Art betrügerisch zu verhindern. Eine durchwegs spannungsgeladene, von Intrigen zersetzte Szenerie, wenn man mich fragt – fatal, untergangsgeprägt.

Diesen vom Alberichs Fluch belegten Traum, den wir wohl aus der Not heraus gewaltsam aus den Maschen des Traumfängers befreit haben, wollen wir also schnell wieder vergessen. Er wurde bereits gelebt und endete in einer Katastrophe, in der Götterdämmerung. Gold, Liebe und Macht führten uns dabei lediglich nach Wolkenkuckucksheim.

Da kommt mir eben jetzt einer wild fuchtelnd entgegen, hat von meiner ausbleibenden Idee gehört und verspricht schnellen Rat. Er will, dass ich ihm zuhöre. Er besteht darauf, dass ich mein Persönlichkeitsprofil erstelle und hopp auf ein Dating Portal hoch lade und geduldig abwarte, welchen blonden, braunen oder roten Traum mir das durch Algorithmen gefügig programmierte Schicksal beschere.

Das passt mir nun gar nicht, erachte meinen Blog Versuch als vorerst gescheitert und beschließe abzuwarten, bis neue Texte auf offenere Ohren stossen.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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