Von blinden Flecken und toten Winkeln

Lasst mich bloss in Ruhe. Wozu der Stress, mankind suck’s.

Wo bitte liegt der Unterschied zwischen einem, der am helllichten Tage mit einer angezündeten Laterne über den Marktplatz rennt und verzweifelt nach Menschen sucht und einem, der öffentlich als Wahlversprechen bekannt gibt, dass er gewillt sei, den Sumpf auszutrocknen. Die beiden Fälle liegen gut 2500 Jahre auseinander, Diogenes von Sinope, Philosoph, und Donald Trump, amerikanischer Präsident. Zweierlei liegt auf der Hand, der eine muss unbedingt blind sein, während der andere Dinge sieht, die uns Normalsterblichen verborgen sind. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass sie dann wohl verrückt sein müssen.

Sollten wir auf solche Menschen hören und sie ernst nehmen? Friedrich Nietzsche tat es im Fall von Diogenes, jenem Typen, der in einem Fass mit Hunden hauste und all seine Bedürfnisse öffentlich auslebte. Und schon von Plutarch wird über Diogenes anekdotenhaft überliefert, dass er Alexander dem Grossen, der ihn höflich fragte, wie er ihm helfen könne, geantwortet haben soll, er möge doch beiseite und ihm gerne aus der Sonne treten. Das schien Alexander den Grossen so sehr beeindruckt zu haben, dass er gesagt haben soll, dass, wäre er nicht Alexander, er sich wünschte, Diogenes zu sein.

Über Donald Trump wird täglich berichtet, vielleicht mehr als vielen von uns lieb ist. Damit erübrigt sich die Frage nach seiner Wichtigkeit, warum sonst findet er sich in den Schlagzeilen weltweit. Und Anekdoten kursieren auch über ihn, und auch er trifft und traf grosse Menschen, Putin etwa, Xi Jinping, den Staatspräsidenten der Volksrepublik Chinas. Die Frage danach, wer wen sein möchte wenn, die lassen wir hier mal lieber außer Acht.

Doch aufgepasst! Da ist noch mehr. Diogenes, verrückt, wie er uns von Nietzsche in seinem bedeutenden Aphorismus «Der tolle Mensch» dargestellt wird, hat eine unglaubliche Botschaft an uns Lebende, Gott sei tot und wir hätten ihn umgebracht. Was sind wir doch für coole, mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Typen, dass wir solches vermochten. Doch sind wir auch in der Lage, die Konsequenzen dieser Tat abzuschätzen und zu ertragen? Nietzsche hegte da dann doch seine berechtigten Zweifel. «Yes we can» behauptete hingegen Obama; «wir schaffen das», ermutigte Merkel. Beide hatten zwar andere Beweggründe und äusserte sich dabei zu anderen Zusammenhängen, dennoch setzten sie Zeichen großen Vertrauens in die Nation. Alles klar, wir sind also auf guten Wegen.

Was soll denn die Rede vom Sumpf, der ausgetrocknet werden müsste? Wie konnte Obama den nicht gesehen haben. Und was sieht Trump, wofür wir noch keine Augen haben? Sagte ich wir? Stimmt nicht ganz. Trump hat eine Vielzahl von Followern, nicht nur auf Twitter. Und die sprechen auch gerne von sich als den Aufgewachten, wenn sie sich anschicken, uns Blindgängern die Bedeutung von Trumps Absichten darzulegen. Von Obamagate, von Pizzagate, wohl auch von Coronagate und von Deep State orakelt man, wenn vom Sumpf gesprochen wird.

Was ich bisher verstanden habe, ist, dass uns ein Vögelchen aus dem Internet nette Versprechungen zu zwitschert, so wie das mein Kanarienvogel tagtäglich bei meinem Eintritt in die Wohnung von seinem Käfig her tut. Es möchte gut sein, dass sich unsere Medienhelden weltweit täuschen. Vielleicht stieg der Mord an Gott dann doch über unsere Kräfte. Bei seinem Tod erlosch die Sonne, und seither leben wir womöglich von den Ressourcen, die wir bis zu seinem Ableben in seinem Lichte angesammelt haben.

Die neuen, von uns kreierten Sonnen vermögen nicht zu überzeugen. Ihr Licht ist zu grell, es schädigt unsere Haut und trocknet die Böden aus, «die Wüste wächst» prophezeite uns schon Nietzsche zum Ende des vorigen Jahrtausends. Kein Wunder sehen wir so schlecht, in weiten Teilen der Welt hat sich der Himmel über uns Menschen wegen dichter Dunstglocken verdunkelt, vorab in industriereichen Gebieten. Die Nahrung, welche für uns elementarer als jeder Sumpf ist, wächst aus genmutiertem Saatgut, wird in Tonnen von Plastik verpackt, transportiert und verkauft und hat auf diesem Weg viele seiner gesundheitsförderlichen Eigenschaften eingebüsst.

Wenn Diogenes wie ein armer getretener Hund in einer Tonne auf dem Marktplatz lebte, dann tat er das freiwillig. Nicht so die vielen Menschen, die durch die immer grösser werdenden Maschen unserer Sozialnetze hindurchfallen. Gibt es für sie und all die unzähligen Kinder, die tagtäglich weltweit verhungern, einen Zwitscherer, der Versprechungen macht und Hoffnungen weckt? Wer ehrt die Millionen von Toten aus all den weltweit sinnlos geführten Kriegen und wer entschuldigt sich bei deren Hinterbliebenen für das Elend, das dadurch geschaffen wurde? Es fehlte uns dazu weder am Geld noch an den lebenserhaltenden Ressourcen, wir sollten uns nur anschicken, beides besser zu verteilen.

Mankind sucks! Wir haben in all den Jahrhunderten trotz der wissenschaftlichen Brillanz unserer Köpfe nichts dazugelernt. Wir sind immer noch auf dem Zerstörer Trip, und die Muster unserer Fehlfunktionen sind dieselben geblieben. Wir lassen uns immer noch von Mami und Papi bei der Hand nehmen, vertrauensvoll hochblickend und vergnügt vor uns hin plappernd in die nächste Bredouille führen. Eigentlich bräuchten wir keine Führerfiguren, wenn jeder von uns, gleich einem Diogenes, vor seiner Haustür Einfluss nimmt, die Verhältnisse und die daraus sich entwickelnden Probleme kennt und darum auch weiss, was zu tun ist. Man nennt es mündig, erwachsen, reif, wahrhaft und verantwortungsvoll werden.

Sehr gerne, Mister Präsident, lass uns diesen Sumpf austrocknen, und sie werden sehen, der Rest klärt sich wie von selbst. Sagen sie bloss, dass sie nichts davon wissen. Na gut, so hat wohl jeder von uns seine blinden Flecken und toten Winkel.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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