Freie Unfreie und Entrechtete

Die Vision eines Lebens in einer sozial befriedeten, gleichgestellten und gerechten neuen Welt, wo keiner mehr Neid verspürt, geizig sein muss oder Hassgefühle auf andere hegt. Hier ein Ausschnitt der neu entstandenen Silowohnbauten, in denen die Gesellschaftsschicht der Unfreien wohnten.

Zu einer Zeit im 22. Jahrhundert hatte man als menschliche Gesellschaft endlich den geeigneten Weg gefunden, die Welt zu einem sicheren Hort zu machen; kriegsbefriedet, keimfrei, klimaneutral, verkehrs- und stressfrei. Niemand musste sich mehr Sorgen machen zu hungern, zu erkranken oder zu verarmen. Die Menschen waren zufrieden, freundlich im Umgang miteinander, und alle gingen engagiert ihren Alltagsverpflichtungen nach. Ideen, Ideale und Visionen waren auf der Grundlage dieses neuen Lebens überflüssig geworden.

Keiner geriet in Versuchung zu stehlen, einzubrechen oder seinem Mitmenschen Schaden zuzufügen, da es alles, was ein Mensch brauchte, in gemäßigtem Überfluss gab. Polizeipatrouillen und andere Sicherheitsvorkehrungen erübrigten sich, das Militär konnte aufgelöst werden und der Überwachungsstaat gehörte endgültig der düsteren Vergangenheit an. Man konnte mit Fug und Recht proklamieren, dass es sich künftig annähernd paradiesisch anfühlte, auf der Welt zu leben.

Wie konnte es wunderbarerweise soweit kommen, was war geschehen? Findigen Wissenschaftlern gelang im Laufe ihrer Forschung auf der Suche nach immer neuen Impfstoffen zufällig der perfekte Präventionscocktail. Der Stoff griff an zwei entscheidenden Punkte in die Physis des Menschen ein, er veränderte die DNA und impfte gleichzeitig ein Heer von angriffslustigen Nanopartikeln in den Kreislauf, die äußerst effizient jeden Fremdkörper neutralisierten, der über die Nahrung, die Luft oder Entzündungen einzudringen versuchte. Sie spürten jeden Tumor auf und bekämpften ihn und stärkten Kreislauf und Immunsystem. Offene Wunden wurden innert kürzester Zeit regeneriert und sogar abgetrennte Glieder wuchsen wieder nach.

In der neuen Weltordnung gab es drei Gesellschaftsgruppen, die Freien, die Unfreien und die Entrechteten. Die Freien rekrutierten sich aus den Wissenschaftlern und deren Geldgeber und ehemaligen Förderern, welche dank des weiter optimierten Impfstoffes 150 bis 200 Jahre alt wurden. Sie lebten unerkannt und abseits der beiden anderen Gesellschaftsschichten. Dies war ihr Privileg als Schöpfer dieser neuen Weltordnung.

Die Unfreien, die Wohlstandsschicht der Bevölkerung, waren Menschen, welche auf Grund bestimmter Präferenzen, Schönheit, athletischer Körperbau, Resilienz und ähnliches mehr, mit einem Derivat des Impfstoffes behandelt worden waren. Ihre Lebenserwartung belief sich immerhin noch auf 100 bis 120 Jahre. Und dann gab es da noch die Entrechteten, die Mehrheit der menschlichen Lebewesen, welche wie eh und je in licht- und zonengesonderten Bereichen des Planeten, in sogenannten Industriesiedlungen willen- und rechtslos vegetierten. Der auf sie zugeschnittene Impfstoff war nanopartikelfrei, weshalb sie schutzlos lebten und frühzeitig an Krankheiten verstarben. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung belief sich auf 35 Jahre.

Für die Befriedung des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Bevölkerung gab es ein spezielles Pharmazeutikum, Zerotonia, das Glücksgefühle hervorrief, Depressionen verhinderte und Machtgelüste zügelte und die Menschen insgesamt fokussierter machte. Zerotonia wurde als Depotmedikament den Unfreien verabreicht. Die Fokussiertheit der Unfreien verhinderte somit die Neugier und vergleichendes Betrachten der Lebensvorzüge zwischen Freien und Unfreien.

Kritik war ihnen fremd. Die Freien lebten in den herrlichen Palästen des Adels aus früheren Tagen der Menschheitsgeschichte, während die Unfreien riesige Siedlungsbauten bewohnten. Diese Wohnsilos waren umgeben von weit angelegten, herrlichen Parkanlagen mit Teichen, künstlichen Wasserfällen und Blumen-, Garten- und Waldanlagen, in denen die Silobewohner sich sportlich und spielerisch vergnügen durften. Überall in den Anlagen gab es genügend Tankstellen, wo man sich kostenlos und hinreichend mit Getränken, Nahrungsmitteln, Kleidern und anderen wichtigen Dingen des täglichen Lebens versorgen durfte.

Einmal wöchentlich wurden in sogenannten Echtspielarenen zur Unterhaltung und Weiterbildung der Unfreien Aufführungen arrangiert, wo historische Schlachten des Mittelalters bis in die Neuzeit nachgestellt wurden. Die Akteure dieser Unterhaltungsschlachten rekrutierten sich aus den Heerscharen der Entrechteten, welche bei diesen Kämpfen mehrheitlich sogar die antiken, aber immer noch funktionstüchtigen Schwerter, Hellebarden, Schusswaffen, Kanonen, Panzer und Düsenjets verwendeten.

Es gab zwar Stimmen aus den Reihen der Unfreien, welche Mitleid mit den Entrechteten verspürten, da es in diesen Schlachten unzählige Tote gab, aber ändern wollte es dennoch keiner, da man nicht auf die Spiele verzichten wollte. Stattdessen ging man dazu über, einmal monatlich einen herrlichen Festgottesdienst mit großem Pomp für die Gefallenen zu feiern. Und hier und dort wurden Denkmäler in den Parks errichtet, welche an die Kämpfe erinnern sollten.

Diese religiösen Feste dienten gleichzeitig auch als eine Art Erntedankfest für die Entrechteten, welche ja den Zweck ihres Daseins ausschließlich darin sahen, in den großen Industrieanlagen sich selbst- und vorbehaltslos für das Überleben der bessersituierten Bevölkerung einzusetzen. Sie lebten zwar in kleinen, übereinandergestapelten Metall Containern, es fehlte ihnen aber für ihr emsiges, ausschließlich von Arbeit geprägtes Leben an nichts.

Diese wunderbare neue Weltordnung nahm ihren Ausgang im frühen 21. Jahrhundert, genauer im Jahr 2020, als die Menschheit von einer schlimmen Pandemie, dem Corona Virus, gegeißelt wurde. Unzählige siechten damals als Infizierte in Quarantäne-Einrichtungen und in Heimen dahin, und viele von ihnen starben einen qualvollen Tod. Über Monate hinweg wurden die Medien damals nicht müde, die verängstigten Menschen über geeignete Verhaltensmaßnahmen zu informieren, welche die Krankheit eindämmen sollte. Dazu zählten Masken, Hygienerituale und Social Distancing. In jenen unsäglichen Tagen der Angst und Verzweiflung startete die Wissenschaft ihre heroische Kampagne zur Entwicklung eines Wirkstoffs, der die Pandemie ein für alle Mal besiegen sollte.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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