Ironie eines Traums

Ich wachte kürzlich früh auf und fühlte mich leicht verstört. Ich hatte seit langem wieder einmal einen archetypischen Traum von einem Einhorn. Dies musste wohl eine Folge davon sein, dass ich mir am Vorabend als Gegenmittel und Auflockerung zu den nicht enden wollenden Corona-News einen Film angesehen hatte, bei dem es um Schamanismus, weiße Magie, Mystik und Geheimwissenschaften ging.

In der Folge versuchte ich die für mich relevante Symbolik betreffs meiner Einhorn Erscheinung zu entschlüsseln. Das Einhorn steht für kindliche Naivität, weist aber auch auf Jungfräulichkeit und Unschuld hin. Die drei Deutungsansätze wollten mich vorerst nicht befriedigen. Andernorts stieß ich darauf, dass der Traum von einem Einhorn den Kontakt zu Lichtwesen ankündigen soll. Das gefiel mir besser, sättigte meine Neugier trotzdem noch nicht hinreichend. Ich suchte weiter. Aus Indien wird berichtet, dass Einhörner stark und wild seien. Und in einer Überlieferung fand ich, dass ihr Horn antitoxische Wirkung besitzt, weshalb es als Trinkbecher verwendet wurde. Dieser Hinweis fand meinen Gefallen, verwarf dann alle Deutungsansätze in einem Wisch, denn Einhörner, wie wir alle wissen, gibt es nicht. Sie sind Fabelwesen.

Der Traum wollte mich nicht in Ruhe lassen, denn ich bin zweifellos einem begegnet. Ich begann darüber zu grübeln und unternahm neuerlich Deutungsversuche. War ich tatsächlich so blauäugig, kindlich naiv, wie die Erscheinung des Einhorns mir suggerierte? Vermutlich schon. Ich musste mir eingestehen, dass ich zu Beginn der Pandemie mit zu denen gehörte, die sich von den Berichten, Bildern und Veränderungen im Alltagsleben beeindrucken ließen. Es dauerte einige Wochen, bis ich lockerer wurde und so meine Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus zu hegen begann. Dass da ein Virus sein Unwesen trieb und noch treibt, wollte ich nicht bezweifeln, fand aber, dass wir alle jetzt wüssten, wie wir damit umzugehen hatten. Auch darin scheine ich mich zu täuschen, habe ich doch aktuell die ungebremste Reiselust meiner Zeitgenossen stark unterschätzt.

Hinsichtlich der Bedeutung von Jungfräulichkeit und Unschuld des Fabelwesens, das mich traumwandelnd heimgesuchte hatte, bekundete ich schon wesentlich mehr Mühe. Es wollte mir nicht gelingen, darauf einen Reim zu finden. Ich begab mich darum, im Wissen dessen, das Einhörner Fabelwesen sind, auf die Ebene des Traums und fabulierte frisch drauflos. Corona ist schrecklich, ist harmlos, ist eine Lüge. Antipodisch gedeutet könnte ich darauf schließen, dass ich als Traumtänzer lebte und die drohende pandemische Gefahr nicht wahrhaben wollte. Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte, irgendwie fand ich keine zufriedenstellende Erklärung auf die mich fordernde Jungfrauen Symbolik. Dann fiel der Groschen. Ich hatte mich unversehens ins Mysterium der christlichen Deutung von Mariens unbefleckter Geburt verstrickt. Tief in mir musste deshalb sicher der Wunsch gären, einen Schlüssel zur Lösung der Pandemie zu finden. Ein Erlöser oder Erlöser Gedanke musste geboren, dafür stand das jungfräuliche Einhorn.

Da knüpfte ich also an, eines ergab das andere und ich wünschte wir eine Lichtgestalt, einen Erzengel herbei, der uns von der Plage befreien würde. Weder das eine noch das andere trat ein. Ich begann mich ernüchtert damit zu begnügen, dass ich auf ein baldiges Ende der Pandemie hoffen wollte. Hatte sie in ihrem bacchantischen Festzug nicht schon genug Schaden angerichtet und Menschen ins Unglück gestürzt? Sie hatte ihre Zeit, sich auszutoben, einmal musste damit auch wieder Schluss sein.

Diese neue Nüchternheit brachte mich zwar in die Realität zurück, drohte mich aber gleich wieder in eine neue Verstrickung zu führen. Mir wurde bewusst, dass der Traum mehr mit meiner Situation zu tun hatte, als mir lieb war. Die Lösung bot sich mir im Horn, das antitoxische Wirkung haben sollte. Entweder ich würde also in den Besitz eines Horns gelangen und künftig daraus trinken und daran gesunden, oder aber ich deutete die Traumnähe des entgiftenden Horns als Weissagung. Mir würde so mitgeteilt, dass ich mich vor dem Virus nicht fürchten sollte. Einhörner sind Fabelwesen, darum schien mir diese Deutung relevanter als alles Vorherige zu sein. Ich atmete befreit auf und verfiel einer angenehmen Sorglosigkeit.

Tage darauf erzählte ich einem alten Schulfreund, der als Psychiater praktizierte, bei einem verabredeten Treffen und vom Wein etwas gelockert, meinen Traum. Er hörte mir geduldig zu und meinte dann mit aufmunterndem Ton: ich sähe wohl vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Ich bräuchte dringend etwas Erdung, ob ich denn bei dem heißen Wetter nicht öfters mal Baden gehen wollte? Kühlung sei heilsam. Er hätte nicht gewusst, dass ich so blauäugig und naiv sei. Er wolle mir zu Gute halten, dass an meiner Verwirrung vermutlich eine Überdosis an reißerisch aufgemachten Nachrichten schuld sei.

Das ärgerte mich nun gewaltig. Ich fühlte mich von ihm nicht ernst genommen. Die einen deckten uns mit schrecklichen Bildern von in Spitälern erstickenden Menschen zu, andere durften uns straflos die übelsten Pandemie Geschichten vor flunkern, während man mir wegen meines unschuldig, kindlichen Traums gleich den Strick drehte und mich beleidigen durfte?

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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