Von Erinnerungen, Ankerpunkten und Badespass

Es gibt die alten Zeiten im Sinne von „Altertum“ oder „Ancien Régime“ – es gibt sie aber auch in einem jedem Menschen in seinem „Episodischen Gedächtnis“. Im genannten Gedächtnis tummelt sich jede Menge autobiographisches Wissen, das beispielsweise dann aktiv wird, wenn wir an Episoden aus unserem früheren Leben erinnert werden. Darin integriert ist aber auch Wissen um zurückliegende wichtige Ereignisse des kulturellen, politischen oder wirtschaftlichen Lebens.

Wenn ein älterer Mensch in der Zeit des Lockdowns im Frühling dieses Jahres einem jungen Menschen von den Tagen zu erzählen beginnt, als es noch wenige Automobile gab und keiner raste, weil die Straßen oft Schlaglöcher aufwiesen und man als Jugendlicher ohne elterliche Überwachung auf der Straße noch Fußball spielen konnte und das Leben sich insgesamt noch in ruhigeren Bahnen fort bewegte, dann gibt dieser Mensch unter vielem anderem zu verstehen, dass die Pandemie bedingte Sedierung des öffentlichen Lebens und die damit verbundene Ruhe nicht so einzigartig sind, wie es jüngere Menschen dünken mag – als Lockdown wohl einzigartig, nicht aber in der Gänze der damit stattfindenden Begleitumstände.

Persönliche Erinnerungen sind gewissermaßen Ankerpunkte. In der vergleichenden Betrachtung vergangener Ereignisse mit ähnlichen Vorkommnissen der Gegenwart oder jedem anderen Zeitpunkt, kann sich die Perspektive und damit verbundene Wertung durchaus ändern. Wenn ich in meiner Jugend beispielsweise die Nase rümpfte ob dem beißenden Benzindampf, den ein vorbeifahrendes Auto in meiner Nase hinterließ und wenn ich mich auch heute noch ob den Abgasen störe, mir jüngere Menschen aber zu verstehen geben, dass sie Benzingeruch lieben, dann weist das auf die Verschiedenartigkeit von Erlebnis Interpretationen und Schlussfolgerungen auf äußere Phänomene, die konträrer nicht sein könnten.

Da wo ich aufgewachsen bin, gibt es einen Militärflugplatz, dessen Startpiste vermutlich höchstens zwei bis drei Kilometer vor der Badeanstalt entfernt endete. Wenn dann während des Badevergnügens zwei Mirage-Jäger nebeneinander starteten, dann befanden sie sich über der Badeanstalt vielleicht 100 bis 200 Meter über unseren Köpfen und veranstalteten einen Höllenlärm, der uns Jungen damals freute. Wir tauchten dann frühzeitig unter die Wasseroberfläche, öffneten die Augen und staunten ob den beeindruckenden Düsenjägern, die über uns feuerspeiend wie graue Drachen hinweg rauchten. Ihr Lärm, den sie verursachten, brachte das Wasser zum Vibrieren und verursachte uns in der Tauchlage ein angenehmes Kitzeln am ganzen Körper und es klang, etwas dumpfer zwar, als ob man ein eiskaltes, mit Kohlensäure versetztes Wasser in ein offenes Glas gießt.

Jetzt, wo wir in einer Zeit leben, in der Militärflieger kaum mehr viel Sinn machen für ein Land wie die Schweiz und Kriege meist weit weg von uns stattfinden, grenzt das für mich beinahe schon an eine betrübliche Aussicht, da ich mich zukünftig wohl nie mehr in die Tauchlage versenken kann, um dieses Körperprickeln bei einem Düsenjäger Start zu verspüren. Das soll aber nicht falsch verstanden werden. Ich bin deswegen natürlich nicht enttäuscht, wenn die Schweiz keine neuen Flieger mehr anschaffen würde.

Es gibt so vieles, an das ich mich während des Lockdowns zurückerinnere. Besonders eindrücklich war dies in Bezug auf die öffentliche Präsenz von Medien damals und heute. Ich sehe zwar irgendwie noch die Bilder der Tagesschau aus den Jahren 1972 bis 1975 zum Vietnamkrieg und fand das auch damals schon schockierend. Es ist aber kaum zu vergleichen mit den Grausen an aktuelleren Bildern aus Wikileaks „Collateral Murder“, wo man Zeuge wird von der gezielten Tötung von Zivilpersonen, auch Kindern, im Irakkrieg (zu finden unter dem Link collateralmurder.wikileaks.org). Jeder sollte sich dies einmal anschauen, denn es braucht den Ekel und die Abscheu, um nicht zu vergessen, wer wir sind und dass wir uns anspornen, besser zu werden.

Ich gehöre glücklicherweise zu den Menschen, die nie einen Krieg am eigenen Leib erleben mussten. Aber ich habe gelernt zu verstehen, dass dies kein Verdienst von uns sogenannt aufgeklärten Menschen ist. Heute, wo es sich auf der Weltbühne nur noch um Geld, Macht, Öl, Gas und Metalle dreht, haben sich die Kriegsgräuel entsprechend verändert. Man führt vornehmlich verdeckte Kriege, treibt dabei medial üble Verleumdungs-Kampagnen und entzweit Menschengruppen über die Religion oder Hautfarbe, so dass global garantiert immer wieder größere oder kleinere lokale Kriegsfunken auflodern, die dem Waffengeschäft einträglich, der Menschenfamilie aber abträglich sind. Man treibt Länder gezielt in den Bankrott oder findet Strategien, eine Seuche etwa, die es politisch und wirtschaftlich, kulturell und gesundheitstechnisch ermöglicht, einen Stillstand zu erzwingen und damit eine weitere Umverteilung von Vermögen weg vom Volk zu den Superreichen anzustoßen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in die Lage komme, mich dereinst gerne an das Jahr 2020 zurück zu erinnern. Dies zu ändern wäre aber wünschenswert. Dazu müssten die Menschen aufwachen und Mut zeigen, für Veränderungen einzustehen. Wir sollten aufhören, uns nach Richtungsvorgaben von Organisationen zu orientieren, militärische Bündnisse zu unterstützen und kritiklos jeder üblen Art von Fake-News auf zu sitzen. Wir sollten basisdemokratisch anfangen, die Führung unserer Staaten in die Hände von Menschen zu legen, die wir kennen und denen wir vertrauen. Und wir sollten uns mit Menschen zusammentun, die das gleiche wünschen, wie wir. Sollte sich dies als aussichtslos erweisen, dann bliebe uns immer noch der Rückzug ins schnelle Vergessen und ein anderes Erwachen.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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