Virus ist keine Lebensform – es braucht einen Wirt

Wie soll man mit der Angst im Nacken Fahrrad fahren?

Jedes Jahr treibt es mich von neuem quasi als lonely elder bikeboy in die weite Welt hinaus, schwer bepackt mit Satteltaschen vorne und hinten, einem Rucksack und einer Zelttasche. Für dieses Jahr plante ich einen Ritt nach Irland. Doch dem bereitete Corona alsbald ein jähes Ende. An eine detaillierte Ausarbeitung der Tour war nicht zu denken, keiner wusste, wie lange das Virus noch seinen St. Veitstanz zu praktizieren gedachte und die Grenzen für Ein- und Ausreisende geschlossen bleiben würden.

Virus, das sei keine Lebensform, liess ich mich belehren, Viren bräuchten einen Wirt. Da ich blind auf die Erkenntnisse der Psychologie baute und der Überzeugung war, dass Viren keinesfalls darauf aus sein konnten, ihren Wirt zu töten, wählte ich eine Alternativtour ins angrenzende Ausland, ungeachtet der Gefahr, dass ich zu den Gastgebern zählen könnte. Das sollte sich alsbald als persönlicher Fehler herausstellen.

Bis Landeck ging alles gut, abgesehen von den üblichen Fahrstrapazen, die diese etwas beschwerliche Reiseweise mit sich brachte. Doch dann ging’s los. Die Angst hockte mir gleichsam hinten auf, wie man so treffend sagt. Das hatte fatale Folgen. Der Pneudruck war dem unangemessenen Gewicht dieses ungebetenen Gastes nicht gewachsen, und ich spürte, wie ich mit Sack und Pack und Rad auf dem gekiesten Dammweg entlang dem Inn zu schlingern begann. Ein verängstigter Blick aufs Hinterrad bestätigte, dass ich kaum mehr Luft im Reifen hatte. Das zwang mich abzusitzen, was meinen ungebetenen Gast höchlich zu stören schien, biss er mir doch verschiedentlich fledermausgleich ins Genick.

Also gleich stiegen in meiner Erinnerung die grausigen Bilder von Stapeln von Särgen auf, die man in Kühlhallen und Kühltransporten aufgebaut hatte, um die Zeit zu überbrücken, die es benötigte, bis im Krematorium Platz sein würde, die Feuer ihre Arbeit tun zu lassen, die vielen verblassten Leben aufzulösen. Unmutig und gehetzt montierte ich meine Pumpe von der Querstange und sah mich im Geiste bereits Luft los gekentert. Ich hörte, wie mein Gast leicht hysterisch kicherte, was mich antrieb, den Schlauch meines Hinterrads schnell wieder aufzupumpen. Doch offensichtlich hatte der kleine Dracula auf meiner Schulter etwas dagegen. Als ich nämlich die Pumpe vom Ventil löste, zischte es mächtig und mein französisches Ventil ward vom Überdruck auf nimmer Wiedersehen ins nicht mehr Auffindbare verblasen worden.

Ich hatte die Rechnung jedoch ohne Wirt gemacht, denn ein freundlicher junger Mann, der auf seinem Rad meinen Weg kreuzte und mein Dilemma schnell erkannte, verfügte glücklicherweise über ein Ersatzventil, half es mir einzudrehen und den Schlauch erneut unter Druck zu setzen. Ich sei wohl etwas zu schwer bepackt, lautete sein fachmännischer Kommentar. Wenn der Mann doch nur gesehen hätte! Wie soll man mit der Angst im Nacken Fahrrad fahren. Je nach Lust und Laune, Umständen und Gelegenheit wog sie einmal mehr, einmal weniger.

Drei Tage und viele Kilometer später drohte ich in ein übles Gewitter zu geraten und weit und breit zeigte sich keine Möglichkeit, einen trockenen Unterschlupf ausfindig zu machen. Das verlieh dem blutrünstigen Fledermausding auf meiner Schulter abermals mächtig Auftrieb, so dass es diesmal drei gebrochene Speichen am Hinterrad waren, die meinen Puls in die Höhe schiessen liessen. Und wieder vernahm ich das hysterische Lachen meines ungebetenen Gastes. Doch diesmal blieb ich unerwartet ruhig.

Wie durch ein Wunder löste der scharfe Wind die dunkle Gewitterwand vor mir auf, zerschlug in meinem Kopf die existenzbeängstigenden Vorstellungen und erlaubte mir mittelfristig unbeschadet meine Tour als mein eigener Wirt und Gast zu beenden. Ich schlug die Augen auf und wusste, ich bin kein Virus noch Wirt, denn ich verfüge durchaus über eine distinguierte Lebensform und einen Willen, meine Angst zu besiegen.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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