„Du musst dein Leben ändern“ (R.M.Rilke)

Das unvollkommen Vereinzelte vor dem Hintergrund des Ganzen

Und geht es uns heute nicht gleich jenen, die verständnislos und verloren vor dem Torso des Apollos stehen? Man ahnt das Ganze, sieht aber nur Teile davon und versucht sie im Geiste gleich einem Lückentext zu vervollständigen. Doch ich fürchte, es geht bei uns modernen Menschen um weit mehr als nur darum zu puzzeln. Die dionysische Schau gemäß dem heraklitischen Weltbild taxiert das Innere des Daseins als Werden und Vergehen ohne Sinn und Form. Das apollinische Prinzip des Sokratismus hingegen sucht sein Heil in der Vernunft und Erkenntnis, welche uns vor dem Wahnsinn der dionysischen Erkenntnis letztlich bewahren soll. Beide Prinzipien für sich genommen sind unfertig. Vollkommenheit entsteht in der Betrachtung erst aus der Zusammenführung in die Bipolarität ihres Wirkens.

Ähnliche Konstellationen stellen sich uns hinsichtlich der Informationspolitik zu Covid-19. Die psychologische Schau ist die Perspektive der Schwäche, der Angst im ewigen Kampf des Lebens ums Überleben vor dem Hintergrund eines angeblich tödlichen Virus. Paradoxerweise empfinden wir Heutigen weit dramatischer in Hinsicht auf den drohenden Verlust des materiellen Überlebens, als die alten Griechen, welche einen schalen Materialismus in solch essentiell existenziellen Fragen nie zugelassen hätten.  Die Perspektive der Regierenden ist jene der Manipulation, welche den Obrigkeitsgläubigen einreden will, dass mit Abstand, Hygiene, Masken und Almosen das Unheil einstweilen vor der Ausweglosigkeit zum Untergang abgewendet werden kann; solange, bis ein geeigneter Impfstoff zur Verfügung steht.

Die Dualität des klassisch griechischen dionysisch-apollinischen geprägten Kosmos verfällt in der Moderne des 21. Jahrhunderts zu einem schlampigen Trick. Wie wollen wir Zuschauer der Tragödie aus dem torsischen Körper eine Ganzheit rekonstruieren, wenn uns dabei die eine Seite der Dualität, die dionysische Wahrheit, fehlt. Sind wir Bewohner der aufgeklärtesten aller Welten noch bereit, dass es so etwas wie die Unberechenbarkeit, das Chaos und den Wahnsinn überhaupt gibt?

Ich denke nicht, denn Angesichts und im Wissen um den dunklen Urgrund des Daseins, bräuchte uns die Angst vor dem pandemischen Ausgelöscht werden nicht weiter zu plagen. Und komplementär dazu wüssten wir die apollinischen Kräfte des Lichts, der Heilung, der Ordnung, der sittlichen Reinheit und Mäßigung, der Weissagung und der Künste (in Anlehnung an die Quelle aus Wikipedia) zu schätzen und zu würdigen. Vielleicht sollten wir wieder einmal eine griechische Tragödie lesen, um ein Vorbild für sinnstiftende Lebensgestaltung vor dem Hintergrund von Wahnsinn und Dasein zu erlangen.

Wissen wir denn bei der Fülle der Informationen zum weltweit sich verbreitenden Virus, wie harmlos oder gefährlich das Ding denn nun wirklich ist? Nein: Je grösser die Informationsblase, desto unüberschaubarer wird deren Deutung. Das braucht uns aber weiter nicht zu bedrücken, wichtig ist doch nur, dass wir selbst in uns eine Haltung finden, die uns würdevoll und Vermummung los leben lässt. Und glücklicherweise lässt sich auch mit der Unvollkommenheit durchaus noch gut leben. Denn in einer Welt, welche uns in Hülle und Fülle rekonstruierte Bilder der natürlichen Ganzheit bietet, gewinnt ein Torso als Vertreter des dinglich Fragmentarischen und der Unvollkommenheit einen wesentlich höheren Stellenwert, wie uns Rainer M. Rilke in seinem Gedicht „Archaischer Torso des Apollo“ zur Deutung freigibt. Von den Teilen, die fehlen, geht eine weit intensivere Aussagekraft aus, „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“, trotz des fehlenden Kopfs mit den Augen. Und die Gewichtung kippt, denn aus Sicht des Torsos formiert sich unerwartet die alles bedeutende persönliche Aufforderung an uns alle: „Du musst dein Leben ändern“.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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