Unterwegs vom Begriff zum Inbegriff

Elbabwärts mit Blick auf Dresden – etwas mehr Ruhe und Beschaulichkeit, das würde reichen.

Als alter Lateiner traf ich zum ersten Mal auf den Begriff ‹Corona› in meiner Gymnasialzeit; damals in der Bedeutung von ‹Kranz›, ‹Ehrenkranz› ‹Versammlung›. Dass er dereinst als Begriff für eine Virusfamilie auftreten würde, konnte ich zu jener Zeit nicht ahnen.

Andere Begriffe und wichtige zeitgenössische Themen wie Wasser- oder Luftverschmutzung oder Klimawandel hingegen existierten noch in keinem meiner Lehrpläne von damals. Wenn man das Wasser eines Baches nicht trinken sollte, dann sah und roch man das, etwa, weil der Bauer tags zuvor seine Jauche aufs Feld ausgebracht hatte. Und wenn sporadisch ein Auto den eigenen Weg kreuzte, dann lag da zwar ein beissender, öliger Geruch in der Luft, der einem kurzzeitig die Atemwege reizte, doch das galt als normal und deswegen rief niemand zum Protest auf.

Einige Jahre später gab es zwar immer noch keine Nanopartikel und auch Plastik kam im Wasser nicht vor, aber man sah Ereignisse voraus, die bei den Wissenschaftlern Sorgenfalten bereiteten. So beschäftigte zum Beispiel die Gewässerverschmutzung zahlreiche Umweltforscher. Damals gab es namentlich in Waschmitteln zu viele Rückstände. Die schadeten der Wasserqualität und stellten in der Verlängerung für den Menschen eine Gefahr dar.

Der Borkenkäfer war eine Zeit lang der Schädling Nummer 1 und in aller Munde. Er trug das angsterfüllende Potential in sich, unsere Wälder zu ruinieren.
Was man damals aber definitiv für nicht notwendig hielt, war die Angst vor Pandemien. Man verfügte über hinreichend Vertrauen in die Fortschritte der modernen Medizin, welche in einem der Corona-Pandemie vergleichbaren Fall uns wirksam vor Gefahren schützen würde. Seuchen, das waren Übelkeit erregende Relikte aus einer unwirklichen Zeit, wo schwarzgekleidete Schnabeldoktoren mit Handkarren Leichenhaufen in kalkpräparierte Gruben schmissen. Waren wir deswegen naiv?

Heute lasse ich mich belehren, dass das Coronavirus eine der schlimmsten Plagen sei, welche die Menschheit jemals heimsuchte und dass man fieberhaft an einer Schutzimpfung dafür arbeite. Im Fernsehen konfrontiert man mich mit Bildern von endlos sich der Strasse entlang windenden Leichenwagenschlangen auf dem Weg hin zu den Krematorien. Und anstelle der Handkarren sehe ich Kühlcontainer, die mit Leichen zur Zwischenlagerung befüllt werden. Kaum auszumalen, dass man jahrelang dieselben Transporter für den Import und Export von Frischgemüse und Früchten verwendet hatte!

Draussen auf dem Gehsteig wiederum treffe ich täglich auf vermummte Menschen, die einander gesenkten Hauptes schamhaft ausweichen oder mir verklärten Blicks Distanz predigen und sich dabei zwanghaft im Händerubbeln üben. Das machte keinen Spass, was mir da begegnete. Aber man muss wohl lernen, damit umzugehen. «Ich habe in meinem Leben schon wesentlich Verrückteres erlebt,» versuchte ich mich zu trösten, «als Horden von verängstigten Menschen, die auf ihrer Handy-App nach Infizierten Ausschau halten.» Kriege, Seuchen und ähnliche Katastrophen waren immer schon Anlässe, die menschliche Erfindungsgabe zu beflügeln und in kürzester Zeit neue Errungenschaften auf den Weg zu bringen.

Wovor ich mich draussen auf meinen beschaulichen Spaziergängen durch die wohlduftenden Fluren und Wiesen aber wirklich fürchte, war der drohende Lärm, den Hunderte von Flugzeugen täglich bald wieder verursachen würden. Und mich ängstigte die Hektik der in absehbarer Zeit aus dem Lockdown entlassenen Bestie ‹Alltag›. Man fragt sich fast schon verzweifelt, ob es bei all den geleisteten Innovationen dagegen immer noch keinen Impfstoff gibt? Denn Corona wird gehen, der Lärm, der Gestank und die Hektik aber bleiben.

Ist es möglich, dass wir Menschen ohne medizinische Unterstützung aufwachen und nach einer neuen Sicht suchen – weg von angsteinflössender, unübersichtlicher, auf Distanz beruhender und an Mangelwirtschaft leidender Globalität; weg von Mobilität, Konkurrenz und Nationalismus; hin in ein Jenseits vom Neoliberalismus, wo wir weder Schnabeldoktoren noch Kühltransportern begegnen werden.
Ein Garten, eine harmonierende Nachbarschaft, ein stilles Abendrot, der Gesang der Amseln, erfüllt vom Inbegriff eines selbst gestalteten, bereichernden Lebens, das seinem Namen alle Ehre erweist. Das würde mir reichen.

Veröffentlicht von Proteus on fire

Freischaffender Feuilletonist

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